¡Que tal, Deutschland!

| Wahljahr '96 | Jugendwerkstatt für Behinderte | Zeitumstellung | Umzug | Projektarbeit | Zur wirtschaftlichen Situation | Schluß |



Dieser Brief trifft wahrscheinlich gegen Ende der Sommerferien ein. So schnell sind die letzten zwei Montate vergangen, daß ich jetzt merke, wie stark mir das Gefühl für die mitteleuropäischen Jahreszeiten bereits abhandengekommen ist. Seit Ende Mai ist hier offiziell "Winter" oder Regenzeit. Genaugenommen ist es aber die Fortsetzung des Sommers mit regelmäßigen tropischen Sturzbächen vom Himmel, die gar nicht oft genug die ersehnte Abkühlung bringen.

Unter den traditionellen Dächern aus Palmenblättern sitzt man auch bei Regen noch sehr gemütlich, in einem Haus mit westlich-modernem Wellblechdach dagegen steigt der Geräuschpegel oft so sehr an, daß man kaum noch sein eigenes Wort versteht. Das aktuelle Datum verliert in dieser Welt rapide an Bedeutung: Was ist schon ein Tag! Wenigstens eine Woche ist die kleinste Einheit in der man noch bequem rechnen kann. Die Zeitrechnung rückwärts ist verläßlicher an den gesetzlichen Feiertagen (Tag der Revolution am 19. Juli), an den Wahlkampfterminen der verschiedenen Parteien (etwa 14-tägiger Rhythmus, Tendenz steigend) oder an den verschiedenen Streiks festzumachen (im Juni/Juli: Hungerstreik der Zuckerrohrarbeiter für höher Gewinnbeteiligung, Streik des Gesundheitswesens für 100%ige Gehalterhöhung, Generalstreik der Taxi- und Busgenossenschaften gegen Streichung von Steuererleichterungen). Die zukünftige Zeitrechnung orientiert sich ganz am 21. Oktober, dem Wahltag. Das üblicherweise kurz vor Weihnachten endende akademische Jahr zum Beispiel ist in diesem Jahr schon Mitte Oktober zu Ende. Was danach genau kommt wird, ist ziemlich unsicher.

Wahljahr '96

Der Wahlausschuß (Consejo Supremo Electoral) ist derzeit die wichtigste Behörde im Land. Kaum ein Tag ohne Schlagzeilen, Krisen, Skandale: Von den über 40 Parteien sind inzwischen 22 Allianzen und Wahlbündnisse übriggeblieben. Der vor kurzem präsentierte Entwurf des Wahlzettels ist monströs. Präsidentschaftskandidaten wurden gekippt - wegen in den achtziger Jahren angenommener ausländischer Staatsbürgerschaft, wegen zu enger verwandschaftlicher Beziehungen zur Präsidentin, wegen undemokratischer Wahlvorgänge innerhalb der Parteien ... . Es scheint sich immer mehr auf eine Stichwahl zwischen dem rechtsextremen Arnoldo Aleman und Daniel Ortega von der FSLN zuzuspitzen. Allen Parteien gemeinsam ist, daß politische Programme weitgehend unveröffentlicht bleiben, wenn sie denn überhaupt existieren. Vor allem die Präsidentschaftskandidaten haben außer der Botschaft "Ich bin der Beste!" nicht viel verlauten lassen. Ein wenig fühle ich mich an Robert LemkeŒs Heiteres Beruferaten erinnert: Aus Identitäts- und Profilmangel braucht jeder Kandidat anscheinend nur eine "typische Handbewegung", die ihn unverwechselbar macht.

In vielen Gesprächen erlebe ich Ratlosigkeit angesichts der Wahlen. "Die Frente - also Ortega - wähl' ich nicht", erzählt mir etwa der 35-jährige Carmello. "Jurist wollte ich werden, oder Ingenieur, ich hätte das Zeug dazu gehabt - aber als ich angefangen habe zu studieren, kam die Revolution, ich mußte zum Militär. Zwei Jahre habe ich verloren, danach wieder angefangen. Nach zwei Semestern: ab in die Reserve, der Bürgerkrieg in den Bergen. Wieder das Studium unterbrochen. Beim dritten Anlauf habe ich fast zwei Jahre studiert, bevor ich wieder zum Militär mußte, gegen die Contra. Die Frente, das bedeutet Krieg, die Frente hat mich meine Jugend gekostet, die soll ich wählen?!" Carmello unternimmt mit einem buntbemalten offenen Bus zu laut plärrender Musik abends Rundfahrten durch Chichigalpa; die Fahrt ist ein herrlicher Spaß und für einen Cordoba pro Person ein erschwinglicher Zeitvertreib, nicht nur für Mütter mit kleinen Kindern. Carmello muß einen 1000-Dollar Kredit abzahlen, seine Frau verkauft (wie viele andere) aus der Haustür heraus am Nachmittag Kleidung , am Abend fertige Mahlzeiten. Arnoldo ist ihm auch unsympathisch ("klaut zuviel"), was er wählen wird, das weiß er beim besten Willen nicht. Carmello hofft auf die verbleibenden drei Monate.

Von der Wahl versprechen sich alle eine Verbesserung der Lage, die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Regierung ist groß, aber wer wirklich Lösungen hat ist unklar. Viele werden, sich bis zum letzten Augenblick nicht entscheiden zu können; in Umfragen liegt der Anteil der Unentschiedenen bei 35% ‹ entsprechend aggressiv ist der Wahlkampf.

Jugendwerkstatt für Behinderte

Für unsere Arbeit bringt diese Wahlkampfstimmung einige Vorteile. Die Bereitschaft zu Spenden und Hilfe seitens der verschiedenen Parteien ist verständlicherweise hoch. Zur Eröffnung unserer Werkstatt für behinderte Jugendliche vor drei Wochen waren vier Kandidaten für das Bürgermeisteramt und Vertreter zweier weiterer Parteien anwesend.
In der kleinen Sonderschule Chichigalpas werden vormittags behinderte Kinder bis zum Alter von 12 Jahren unterrichtet. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bezahlt nun das Erziehungsministerium dort das Gehalt der Lehrerinnen. Wer älter ist als zwölf Jahre, für den ist dann allein die Familien zuständig.

Eine Elterninitiative hat uns um Unterstützung gebeten. Geld hätten sie zwar nicht, aber wenn wir einen Raum zur Verfügung stellen könnten, würden sie gern eine Jugendwerkstatt einrichten. So erhielt der Mittelteil unseres Projekthauses einen neuen Anstrich und nach der festlichen Eröffnung sind wir nun täglich mit sieben behinderte Jugendlichen am Spielen und Basteln mit Kreppapier, Schere, Buntstiften, Knete. Erst einmal zwei Stunden lang, jeden Nachmittag von zwei bis vier, so haben wir es mit den Lehrerinnen vereinbart. Die Papierblumen, Piñatas, Masken und Bilder, die die Jugendlichen herstellen, können wir dann hoffentlich verkaufen, um den Lehrerinnen Gehalt zu zahlen. Auch könnte das Haus noch einige Ausbesserungen im Dach gebrauchen, ein Stromanschluß wäre ebenfalls nötig. Da unser Projekthaushalt ausgeschöpft ist, kann das Comité zur Zeit diese Ausgaben nicht übernehmen.

So bin ich vormittags nun oft unterwegs, um für unsere Werkstatt zu werben, Leute zum Spenden von Material zu bewegen und neue "Schüler" zu finden. Oft ist es schwierig, die Eltern oder die Jugendlichen selbst von einer Teilnahme zu überzeugen. Viele Familien schämen sich, wollen nicht einmal mit ihren behinderten Kindern durch die Stadt gehen, um sie zu unserer Schule zu bringen. Wegen der hohen (und steigenden) Benzinpreise können wir den Transport mit einem Fahrzeug nicht leisten. Zwar gab es ein Angebot, jemand wollte uns einen Kleinlaster zur Verfügung stellen und auch ohne Lohnkosten fahren, aber allein an den Ausgaben für das Benzin (täglich C$ 20 bzw. U$ 2.50) ist diese Absicht gescheitert.

Zeitumstellung

Hin und wieder ertappe ich mich bei "interkulturellen Inkonsequenzen": Eine Armbanduhr zum Beispiel, trage ich schon lange nicht mehr - der Anpassung wegen. Trotzdem komme ich nicht ganz ohne aus, und trage die Uhr deshalb in der Hosentasche. Der andere Umgang mit der Zeit ist für mich eine der nachhaltigsten Umstellungen. Bei festen Terminen mit einer Stunde oder mehr Wartezeit zu rechnen, den Gesprächspartner vielleicht erst beim vierten oder fünften Anlauf anzutreffen, ist durchaus üblich. "Arbeitszeit" und "Freizeit" werden zumindest hier im ländlichen Nicaragua kaum getrennt.

Endlich treffe ich etwa Don Rodolfo, einen Arzt, zu Hause an, und will eigentlich nur fragen, ob er seinen 16-jährigen Sohn nicht in der Behindertenwerkstatt arbeiten lassen möchte. Die Höflichkeit gebietet aber, daß wir zunächst eine reichliche halbe Stunde "Konversation machen". Dann schiebe ich bei günstiger Gelegenheit mein Anliegen ein, und wir reden nach kaum drei Minuten wieder über Familie, Wetter, deutsche Mythologie und klassische Musik (Don Rodolfo ist ein belesener Mann). Nach knapp zwei Stunden verabschiede ich mich mit dem guten Gefühl, keine interkulturellen Schnitzer gemacht zu haben. Und zugleich weiß ich, daß ich, um Don Rodolfo wirklich zu überzeugen, mindestens noch einmal wiederkommen muß.

Umzug

Seit einiger Zeit bin ich auf Wohnungssuche. So erleichternd eine Gastfamilie für das Einleben in eine fremde Kultur ist, habe ich doch deutlich gemerkt, daß ich mehr privaten Freiraum brauche. Daß ich mit meiner Kollegin und Chefin Zela bisher in einem Haus wohne, macht die Trennung von Arbeitsaufgaben und Privatleben schwierig. Als mein Entschluß umzuziehen gereift war, kam ich dann doch noch einmal ins Grübeln:

Wie denn findet man eigentlich in Chichigalpa eine Wohnung?

Lokalzeitungen gibt es ebensowenig wie Maklerbüros, nicht einmal ein schwarzes Brett konnte ich irgendwo entdecken. Per Mundpropaganda konnte ich mir dann doch ziemlich schnell einen Überblick verschaffen, vor allem was für einen ungünstigen Zeitpunkt ich mir ausgesucht hatte. Ein gutes Dutzend geeigneter Häuschen sind mindestens bis zum Oktober an die diversen Parteien als Wahlkampfstützpunkte vermietet. Während der Regenzeit sind außerdem viele Arbeiter für Wartungs- und Bauarbeiten in der Zuckerraffinerie San Antonio beschäftigt, die ebenfalls eine Wohnung brauchen. Was noch frei ist, kostet entsprechend viel Geld oder ist stark renovierungsbedürftig. Daß Ausländer hier in dem Ruf stehen, Wohnungen in ordentlichem und sauberem Zustand zu hinterlassen, hat bei meinem Nachbarn Don Inéz schließlich den Ausschlag zu meinen Gunsten gegeben. Noch in dieser Woche kann ich wahrscheinlich in das leerstehende Häuschen seines Bruders einziehen.

Projektarbeit

Gut 1100 neue "alte" Brillen sind inzwischen in Managua eingetroffen. Hoffentlich noch in dieser Woche werde ich mit Zela und Carmello zur Lagerhalle fahren, um sie entgegenzunehmen. Genau zur rechten Zeit kommt diese Sendung. Wir mußten in den letzten Wochen bereits viele Interessierte vertrösten - die meisten Brillen, die wir noch hatten, haben Gläser mit nicht so häufig benötigten Stärken.

Etwas frustrierend war die Einsicht, daß das geplante Jugendzentrum noch in einiger Ferne liegt. Rückübertragungsansprüche eines Alteigentümers, wer hätte das gedacht, hemmen die Arbeit an diesem Projekt. Unter der sandinistischen Regierung war das Land, auf dem das Projekthaus errichtet wurde, dem Comité überschrieben worden. Der von der FSLN damit enteignete ehemalige Besitzer ist nun wieder da (übrigens auch ein Bürgermeisterkandidat) und will zwar nicht das Grundstück zurück, aber 2000 Cordobas (U$ 250) pro Quadratmeter als Entschädigung. Nicaragua 1996 erinnert mich überraschend oft an "Neufünfland" 1990 ‹ ein Regierungssystem verschwand, rechtsfreier Raum zuhauf, nur leider hat niemand einen verbindlichen Einigungsvertrag unterschrieben. Juristisch gesehen muß die Regierung den Alteigentümer entschädigen, der Anspruch des Comités auf das Grundstück bleibt von den Forderungen unberührt. Derart rechtsstaatlich geprägtes Denken ist jedoch in Nicaragua gefährlich. Korruption und Vetternwirtschaft dominieren in Regierung, Polizei und Rechtswesen. "Rechtsstaatlichkeit", so las ich kürzlich in einem Zeitungskommentar, "ich glaube nicht, daß Doña Violetta Chamorro - die derzeitige Präsidentin - die Bedeutung dieses Wortes überhaupt kennt." Oft genug sind es Geld und/oder Beziehungen, die Mörder schnell auf freien Fuß kommen und Beschuldigte ohne Gerichtsverfahren monate- oder jahrelang im Gefängnis sitzen lassen. Daß unser Besitzanspruch auf das Grundstück des zukünftigen Jugendzentrums rechtens ist, dies müssen wir jedenfalls stichhaltig beweisen. Mit Rechtsanwalt und Bürgermeister versuchen wir voranzukommen. Da ersterer jedoch ebenfalls (!) für das Bürgermeisteramt kandidiert, geht es nur mühsam vorwärts. Wegen der beschriebenen Unsicherheit wäre es für uns sehr wichtig, vor dem Wahltag Gewißheit zu haben - aus demselben Grund herrscht in den Behörden jedoch Zurückhaltung bei derlei Entscheidungen.

zela

Selbst nach Klärung des Grundstückproblems bleibt in dem Haus viel zu renovieren und zu investieren, im Moment und auf absehbare Zeit fehlen dazu die Mittel. So war ich auf der Suche nach einer Alternative. Man kann auch sagen, daß die Alternative mich suchte, denn immer wieder fragen mich Leute, ob ich nicht Englisch unterrichten könnte. In der Oberschule unterrichten vier Englischlehrer - zwei am Vormittag, zwei am Nachmittag - Klassen mit 50 bis 60 Schülern. Das einzige Lehrbuch liegt auf dem Lehrertisch, die Klasse schreibt nur von der Tafel ab. Trotzdem die nicaraguanische Gesellschaft mehr oder minder stark an den USA orientiert ist und die Chancen, Arbeit zu finden sich mit Englischkenntnissen sprunghaft erhöhen, sind vor allem die jüngeren Schüler wenig für das Erlernen dieser Sprache motiviert.

Viele Jugendliche und Erwachsene jedoch haben mich jedoch ihr Interesse spüren lassen. Selbst die Englischlehrer hätten gern - etwa am Samstagvormittag - einen Konversationskurs, mit Schwerpunkten in Grammatik und Aussprache. Ich freue mich sehr darauf mit dieser Arbeit möglichst bald zu beginnen. Nicht zuletzt, weil ich hier auch die Möglichkeit sehe, zu Jugendlichen auf breiter Basis persönliche Kontakte zu knüpfen. Die Direktorin der Oberschule sagte mir, ich könnte auch gern einen Raum in der Schule für den Unterricht nutzen. Für eine schwangere Lehrerin wird außerdem im September/Oktober eine Vertretung gebraucht, ob ich eventuell einspringen könne? Im Büro der Direktorin steht - mit Staubschutz zugedeckt - ein ziemlich neuer Computer, zur Verfügung gestellt vom Ministerium. Auf meine Nachfrage hin erfuhr ich, daß es in der Schule niemanden gibt, der in der Lage wäre, das Gerät zu bedienen. Nirgendwo in Chichigalpa könne man das lernen. Auch hier gilt wieder, daß man im heutigen Nicaragua mit Grundkenntnissen in elektronischer Textverarbeitung viel leichter Arbeit finden kann.
Felix also in Nicaragua als Englisch- und Computerlehrer? So hatte ich mir mein Hauptbetätigungsfeld hier eigentlich nicht vorgestellt und bin selbst etwas überrascht über diesen Verlauf der Dinge. Alle Umstände berücksichtigend scheint mir diese Arbeit im Moment jedoch durchaus sinnvoll und vertretbar. Was Du, liebes Deutschland, von dieser Entwicklung hältst, das würde mich schon interessieren ...

Zur wirtschaftlichen Situation

Daß früher alles besser war, ist eine Binsenweisheit. In Nicaragua ist "früher" allerdings manchmal nur wenige Monate her, und "besser" sollte eigentlich "billiger" heißen. Marco, der siebenjährige Vorschüler, der nachmittags mit einer großen Schüssel voller Tortillas (Maisfladen) auf dem Kopf durch die Straßen zieht, weiß darüber genau Bescheid. Marco holt tief Luft, zieht den Mundwinkel herunter und macht seine Stimme tief: "Tooooortiiijaaas!" schallt es durch die Straßen von Las Palmeras. Die kräftige Stimme in seinem mageren Körper ist sein Kapital, schließlich ist er nur einer von vielen Tortillaverkäufern, die täglich am Haus vorbeikommen.

Klebe "schnüffeln" ist schlecht für die Stimme; aber Klebe ist billig, leicht zu bekommen und läßt dich vergessen: den Hunger, die Schläge zu Hause, den Ärger mit den anderen Kindern in der Vorschule und die Kälte, wenn nachts der Wind durch die regennasse Wellpappe ehemaliger Rumkartons pfeift, mit denen Marcos Eltern die Wände ihres Hauses flicken. Marco weiß Bescheid ...

Tortillas (unverzichtbarer Bestandteil einer nicaraguanischen Mahlzeit) werden teurer, denn Mais wird teurer. Für einen Cordoba gibt es inzwischen nur noch drei, nicht mehr vier Tortillas. Teil der Finanzpolitik der Chamorro-Regierung ist eine schrittweise Abwertung des Cordoba gegenüber dem US-Dollar, eine Art gesteuerte Inflation, bei der die Umtauschkurse für das Quartal von der Nationalbank im Voraus bekanntgegeben werden. Bei meiner Ankunft im April war der Dollar noch C$ 8.15 wert, im Moment tauscht die Bank zum Kurs von C$ 8.55 um. Der US-Dollar ist deshalb Maßstab aller Preise. Wer sein Einkommen in Dollars erhält (wie z.B. auch Entwicklungshelfer) bleibt von dieser Entwicklung weitgehend unberührt. Alle Cordobapreise sind jedoch kontinuierlich am Steigen.

National gesehen resultiert daraus Investitionsunwilligkeit und auch Kreditunwilligkeit der Banken, also Stagnation statt Wirtschaftswachstum. Für den Einzelnen ist die Geldentwertung an jedem Monatsende spürbar. Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen unaufhörlich, der Preis für Bohnen hat sich innerhalb eines Jahres fast verdoppelt, Benzin verteuert sich genauso stetig wie etwa das Saatgut für das nächste Jahr. Da die meisten Gehälter fixiert worden sind, um die Geldentwertung nicht noch anzuheizen, erleben viele Nicaraguaner eine Einbuße von bis zu 20% ihres Realeinkommens im Jahr.
Bettelnde Kinder, Zeitungsjungen und Schuhputzer, minderjährige Bauchladenverkäufer, die acht Stunden in der prallen Sonne an den Straßenkreuzungen stehen und Abgase einatmen, bestimmen deshalb vor allem in Managua das Straßenbild. 45% der Bevölkerung sind jünger als 16 Jahre, die offizielle Arbeitslosenzahl liegt bei 60%, Eine Besserung ist kaum in Sicht.

Liebes Deutschland, so vieles gäbe es noch zu schreiben, viele Fragen aus Deinen Briefen müssen diesmal noch unbeantwortet bleiben. Dein Interesse und Deine Anteilnahme machen mir immer wieder Mut, was ich gelegendlich nötig habe. Den ersten tropischen Sturm der Saison ("César") habe ich nun auch hinter mir, Zentrum der Schäden war allerdings die Ostküste, in Chichigalpa haben wir nur noch fünftägigen Regen abbekommen.
Mit dem Versprechen, daß ich meine Erläuterungen zum nicaraguanischen Wetter ab dem nächsten Rundbrief einschränken werde, grüße ich Dich wie immer ganz herzlich -

euer felix c. seyfarth