Liebes Deutschland,

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wenn nach der Regenzeit die Zuckerrohrernte beginnt, weht abends ein süßlich-modriger Geruch über Chichigalpa, so daß man als Uneingeweihter denken mag, die Kanalisation hätte versagt.
Zuckerrohr wird vor der Ernte abgebrannt. Von den gut zwei Meter hohen schilfartigen Büschen wird nur das in der Mitte wachsende "Rohr" verwendet, der Rest verbrennt oder fliegt als Ruß und Asche durch die Luft. Ab vier Uhr morgens fahren dann die Cañeros in großen Lastwagen auf die Felder, bewaffnet mit Machete und Wasserflasche, um für etwa U$ 50 Monatslohn acht Stunden täglich das Caña zu schlagen. Bei Temperaturen über 30° C in der prallen Sonne einer der härtesten Jobs, den die Region zu bieten hat.
Das Zuckerrohr wird auf großen Trucks unter einer Art Dusche hindurchgefahren, bevor es in der Raffinerie weiterverarbeitet wird. Es sind wohl hauptsächlich die gehäckselten, feuchten Abfälle, die in der Wärme sofort zu gären anfangen und so bei günstigem Wind das Aroma Chichigalpas bestimmen.

Nicht nur dieses Aroma vermisse ich manchmal, nach den ersten sechs Monaten habe ich am Pazifik viel Vertrautes und gute Freunde zurücklassen müssen.
Die lange Pause seit dem letzten Brief an Dich, Deutschland, hängt mit meinem Wechsel an einen neuen Projektplatz zusammen. Seit Ende August entwickelten sich in Chichigalpa zunehmend Konflikte, die meine Arbeit dort erst erschwerten und schließlich zum Wechsel als der besten Lösung für alle Beteiligten führten.
Nach 16 Jahren der Zusammenarbeit des Comité San Esteban in Berenbostel und Zela Maria Mejia in Chichigalpa hatten sich manche Sachen "eingeschliffen", die von niemandem gewollt waren: Aus Deutschland monierte Unregelmäßigkeiten in der Finanzabrechung und die trotz mehrfacher Aufforderung immer wieder blockierte Verteilung der Projektarbeit auf mehrere Personen hatten die Zusammenarbeit der Partner belastet. Meine Versuche, mit Zela über diese Probleme zu reden und nach Lösungen zu suchen, schafften Spannungen und brachten mich immer wieder in Konfliktsituationen. Unser Verhältnis verschlechterte sich derart, daß ich im Einverständnis mit EIRENE und dem Comité San Esteban meinen Dienst nun in Esteli fortsetze. Die Arbeit in Chichigalpa geht weiter, im Dezember wird der Vorsitzende des Comités, Bernhard Bischoff aus Garbsen, die Projektpartner in Chichigalpa besuchen, und versuchen zu klären, wie zukünftig eine verbesserte Zusammenarbeit aussehen kann.

El Diamante de las Segovias

Vom Zuckerrohr hat es mich nun also ins Land von Tabak und Kaffee verschlagen. Esteli liegt in den Bergen des nördlichen Nicaragua, ein ganzes Stück weiter in der "Provinz", vor allem wegen des schlechten Zustandes der Straße Richtung Süden. Die Hauptstadt der Region Segovias - deren "Diamant" sie angeblich ist - hat knapp 100.000 Einwohner, Pferde und streunende Hunde nicht mitgezählt. Viele der Männer sind mit Strohhut und Cowboystiefeln unterwegs, gelegentlich sieht man auch schon mal jemanden mit einer Pistole im Hosenbund. Fehlt nur noch, daß lose Ballen Präriegras vom Wind durch die Straßen gefegt werden, schon hat man die perfekte Westernkulisse.

Estelianische Zigarren sind wegen ihrer hohen Qualität bekannt, können angeblich mit kubanischen Havannas mithalten, werden aber fast ausschließlich exportiert. Als nächstes steht im Dezember die Kaffee-Ernte ins Haus, gerade richtig zu den Schulferien, denn zum Kaffepflücken wird jede Hand gebraucht.
Nach den Wahlen (s.u.) ist die Stimmung hier latent gereizt: Esteli war immer eine Hochburg der Sandinisten. Die nicaraguanischen Außenaufnahmen für den Film "Ein Lied für Karla" wurden im Frühjahr dieses Jahres (nicht zufällig) fast ausschließlich in Esteli und Umgebung gedreht; zwar sind die extra rekonstruierten Sandino-Bilder an den Hauswänden inzwischen größtenteils wieder übermalt, aber wenn Du neugierig darauf bist, vermittelt der zweite Teil des Films einen Eindruck von meinem neuen Zuhause - wie es vor gut zehn Jahren war.

Los Pipitos

In Esteli arbeite ich bei Los Pipitos, einer Initiative von Eltern mit behinderten Kindern. Du erinnerst Dich vielleicht, Deutschland, daß ich nach meiner Ankunft in Nicaragua im April in Esteli zwei Wochen lang zu einem Spanischkurs war. Damals hatte ich erste Kontakte mit den Pipitos. Die Spanischschule ist mit dem Ziel entstanden, eigene Einnahmen für das Projekt zu haben: Alle Gewinne fließen direkt in die Arbeit mit den Behinderten. Ich war damals einer der ersten Schüler; inzwischen trudeln immer mehr Anfragen aus aller Welt, auch für größere Gruppen ein, deren Aufenthalt hier geplant und koordiniert werden muß. Mich um diese Korrespondenz und weitere Öffentlichkeitsarbeit für die Schule (vielleicht im Internet?) zu kümmern, ist nun Teil meiner Arbeit.

Immer wieder fragst Du mich, wie denn ein "typischer" Tag in meinem Leben hier aussehen würde; das ist bei den Pipitos nicht leichter zu beschreiben als vorher. Flexibilität ist oft viel wichtiger als feste Planung, zu vieles ist einfach nicht vorhersehbar, klappt nicht oder kommt ganz anders. Im Moment bin ich noch dabei, mich zu orientieren, wie meine Aufgaben genau aussehen werden. Ich berichte deshalb einfach von den verschieden Aktivitäten in diesem Projekt.

Mit einem vor langer Zeit gespendeten Bus zieht Byron, der Fahrer, morgens um sieben Uhr los, um die Vormittagsgruppe abzuholen. Etwa 15 Jugendliche und junge Erwachsene kommen täglich von neun bis halb zwölf zu einem taller (neudeutsch: Workshop) zu uns. Eine fröhliche, gemischte Gruppe, die mit Besen und Mop sofort beginnt, erst einmal sauberzumachen und aufzuräumen. Danach wird die Hymne von Los Pipitos gesungen, und es geht weiter mit Gymnastik. Katharina Pförtner, deutsche Sonderschullehrerin und lange Jahre mit EIRENE in Esteli, hat eine Ausbildung als Braingym - Lehrerin, einer therapeutischen "Gymnastik", die das Gehirn stimuliert. Die Massage-, Dehn- und Balanceübungen, verbunden mit bewußtem Ein- und Ausatmen, beherrscht die Gruppe inzwischen fast ohne Unterstützung. Luz Eneyda und Maritza (Mütter & Erzieherinnen) sind jedenfalls zur Stelle, helfen der Erinnerung, den Fingern oder den Beinen nach, wenn es nötig ist.

Dieser Beginn bleibt immer gleich, danach gibt es jeden Tag ein anderes Programm. Am Montag haben wir die Woche geplant, für heute steht "Drachenbauen" auf dem Plan. Aus Bambus und Packpapier haben wir die Drachen in verschiedenen Stadien vorbereitet: bei manchen müssen nur noch Gesichter gemalt werden oder Papierbüschel für die Balance aufgeklebt werden, bei anderen fehlt noch die Papierbespannung ‹ und man kann auch mit Bambusstäben, Klebstoff, Zwirn und Papierrolle den ganzen Drachen selbst zusammenbauen. Eine aufregend bunte Galerie hängt zum Schluß an der Wand: manche fröhlich, manche eher grimmig, und manche - nun, bleiben wir ruhig bei "aufregend".
Zum Abschluß eine Mahlzeit: Milch und Kekse, Byron setzt Wasser für den Pulverkaffee auf ‹ einmal in der Woche kochen die Jugendlichen selbst etwas.

Ab etwa 14 Uhr kommen dann die Kinder. Die Pipitos sind hier bereits seit vier Jahren tätig. Die Folge: einige der Gruppen sind inzwischen so groß, daß das Haus aus allen Nähten platzt. Wir müssen also mehrere Kleingruppen bilden. Mit einigen fahren wir in Richtung Ortsausgang. Dort liegt ein Stück Land, das neu zum Projekt gehört. Ein kleiner Garten ist dort angelegt, ein paar Obstbäume wachsen da und es gibt einen "Wald der Freundschaft", in dem Unterstützer und Freunde der Pipitos ein Bäumchen pflanzen können. Es ist vorgesehen, hier einen behindertengerechten Spielplatz anzulegen und mittelfristig (mit EU-Unterstützung) ein Jugendarbeits- und Freizeitzentrum zu bauen. Für die Kinder ist es aber zunächst einmal schön und wichtig, im Freien spielen und toben zu können und das Gelände zu erkunden.

Mit der Sekretärin Blanca versuche ich, auf dem Computer produktiv zu arbeiten. Briefe, Projektbeschreibungen, Anträge, Einladungen, Dankschreiben, Handzettel - jede Menge Öffentlichkeitsarbeit und jede Menge Computerärger. Das Gerät war eine Spende von EIRENE, nun werde ich also hier einen Computerkurs geben, zunächst allerdings - auf dringende Bitte - meinen Projekt-Contrapartes.

Die Arbeit in den Comarcas, den Dörfern in der Umgebung, ist dann doch noch etwas anders: Wir unterstützen dort Initiativen von Behinderten und versuchen, sie in ihrer Arbeit zu begleiten, eine Infrastruktur aufzubauen. Doña Teresa, eine ehemalige Revolutionskämpferin, arbeitet als ehrenamtliche Promotorin mit diesen Gruppen, sie betreut ewa 60 behinderte Kinder. Ein bis zwei Tage wöchentlich werde ich dort mit ihr zusammenarbeiten.

In dieser Woche haben wir eine Hütte zusammengezimmert, in der sie sich nun zweimal in der Woche versammeln können. Das war ein Job! Wohl ziemlich typisch für einen Zivi in Nicaragua : Um das Geld für die Arbeiter zu sparen, haben wir mit dem Pritschenwagen, vollbeladen mit Brettern, zweimal die Tour hinauf in die Berge gemacht, das zweite Mal als Exkursion unserer Vormittagsgruppe.
Per Allradantrieb in die Wildnis; mit Sombrero, Machete, Fuchsschwanz und Hammer angepackt und fröhlich drauflos gezimmert. Nachdem Doña Teresa uns stolz ihren Garten gezeigt hatte, bat sie uns noch, bitte ein Loch in der Rückwand der Hütte zu lassen: Ihr Kaffeestrauch wächst jetzt durch diese Loch von innen nach außen. Wenigstens bis zur Ernte im Dezember soll er noch stehenbleiben. Alles klappte gut, bis ich mir den rechten Arm genau über dem Ellbogen an einem Stück Stacheldraht aufriß - 30 Kilometer vom nächsten Erste-Hilfe-Kasten. Mein Vertrauen in die Naturmedizin war nicht so groß, daß ich all den freundlichen Ratschlägen Folge leisten wollte (u.a. Kaffeepulver auf die Wunde zu streuen). Die Rückfahrt, mit einem notdürftigen Verband und 15 Jugendlichen auf der Ladefläche, dazu die schlammige Straße, diese Rückfahrt werde ich nicht so schnell vergessen, auch wenn der Schorf längst abgefallen sein wird. Wenigstens konnte ich mich mit dem Anblick der Weihnachtssterne trösten, die im Moment in voller Blüte stehen - als Busch oder Baum, eine atemberaubend schöne Pflanze. Überhaupt ist der ganze Wald voller Farben; Blüten und Blumen, deren Namen ich nicht einmal kenne, leuchten in allen Schattierungen des Regenbogens.

Wahlen

Einen guten Monat hat die Auszählung der Stimmen gedauert, die Anspannung im Land war und ist nach wie vor unglaublich groß. Arnoldo Alemán mit seiner konservativen Alianza Liberal ist als designierter Präsident mit 49% inzwischen offiziell bestätigt - aber die Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen lassen seinen Sieg nicht besonders glaubwürdig erscheinen.
Während des gesamten Wahlwochenendes blieb es sehr ruhig. Das Ley Seca, eine Verordnung, wonach 72 Stunden lang nirgendwo Alkohol verkauft oder ausgeschenkt werden durfte, hat sicherlich dazu beigetragen. Viele der internationalen Wahlbeobachter hatten jedoch Haarsträubendes zu berichten: In den Wahlbüros fehlten Wahlzettel; der Strom fiel aus, so daß die Leute bei Kerzenlicht wählen mußten; die Leiter der Wahllokale verschliefen, so daß manche Wahllokale mit bis zu vier Stunden Verspätung öffneten (viele Leute haben 10 Stunden und länger Schlange stehen müssen, um wählen zu können); volle Wahlurnen tauchten in verschiedenen Verstecken auf; aus manchen Wahllokalen wurden erheblich mehr abgegebene Stimmen gemeldet, als es dort überhaupt Wahlberechtigte gab; die per Telegramm nach Managua übermittelten Ergebnisse wurden von Postangestellten verfälscht; immer noch fehlen vor allem in Managua abgegebene Stimmzettel. Außerdem war die Anzahl der ungültigen Stimmen hoch - kein Wunder bei dem komplizierten Prozeß mit sechs Wahlzetteln von jeweils fast einem Meter Länge.

Inzwischen werden die Ungereimtheiten hinter verschlossenen Türen ausgekungelt, die scheidende Regierung versucht, noch schnell ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, und die meisten Leute fühlen sich verschaukelt. Am Morgen danach bei den Sandinisten Trauer, Schock und Wut über den "Wahlbetrug". Die Liberalen euphorisch, ohne recht zu wissen, ob sie damit Recht behalten werden. Die Alianza bröckelt bereits aufgrund von Grabenkämpfen auseinander; während gerade eine Riege Miniparteien hochverschuldet im Verschwinden begriffen ist, hört und liest man bereits über eine "Neugründung" einer "Partei der Mitte". Daß sich Geschichte erst als Tragödie und dann als Farce (oder ist's umgekehrt?!) wiederholt, kommt mir da noch am ehesten in den Sinn. Wie soll sich da nicht verschaukelt, verraten und verkauft fühlen, wer auf die demokratischen Prozesse vertraut? Allein die persönlichen Angriffe, Verunglimpfungen und Schlammschlachten des Wahlkampfes bringen immer noch genug Katerstimmung nach der Hektik und dem Drama der Wahlen, um große Unbeweglichkeit überall zu erzeugen. Daß der Griff zu den Waffen wohl von niemandem gewollt wird, ist noch als einziges klar, das nächste "Durchhaltedatum" ist der Amtsantritt von Alemán: Mal sehen, was dann passiert.

Wie immer grüße ich Dich ganz herzlich, liebes Deutschland, und denke viel an Dich. Hoffentlich findest Du im alljährlichen Adventsgetöse auch Gelegenheit zur Ruhe für Dich, Kerzen und Glühwein vielleicht, Nußknacker, Pyramiden, angebrannte Plätzchen und Tannengrün - du weißt schon, was ich meine. Ab und zu höre ich das Weihnachtsoratorium aus der Konserve - ein komisches Gefühl. Ich wünsche Dir jedenfalls festliche Weihnachten, und daß das neue Jahr ein gutes werde. Abrazos de

euer felix c. seyfarth