Solidarischer Lerndienst in
Chichigalpa, Nicaragua



Rundbrief Juni 1996

Buenos Dias, Alemania

Heute morgen wurde ich wieder von Deiner Kurzwellenstimme geweckt: "Es ist 13:00 Uhr Weltzeit, hier ist die Deutsche Welle mit Nachrichten." In Chichigalpa ist es gerade 7:00 Uhr morgens und Zeit zum Aufstehen. Noch gut drei Stunden bleiben mir, bevor das große Schwitzen wieder beginnt. In der Zeitung heißt das lakonisch: Zona del Pacifico 32/36 °C. Es gibt noch drei andere Zonas in Nicaragua, und ich bin nicht sicher, ob es sich um die Meldungen des Vortages oder die Vorhersage handelt, aber was macht das bei vier Zeilen Wetterbericht schon aus?!

Zela steht schon in der Küche und wärmt die unvermeidlichen frijoles auf, also schnell unter die kalte Dusche. Fließendes Wasser gibt es hier ohne Unterbrechung, nicht so wie in Managua, wo zumindest in meiner Erstunterkunft im EIRENE-Büro tagsüber kein Wasser floß. Wenn man da mal verschläft, muß man sich aus dem Wassereimer bedienen. Gut sechs Wochen ist es her, daß ich dort ankam:

Nach den letzten hektischen Vorbereitungen, einer schlaflosen Nacht in Schwerin und fast 24 Stunden Flugreise von Berlin via Madrid und Miami landete ich am Mittwoch vor Ostern endlich am Flughafen Augusto C. Sandino. BIENVENIDOS A NICARAGUA steht an dem sonst eher schmucklos zu nennenden Gebäude, daneben grüßt ein alter W50-LKW einäugig zu mir herüber und die Nachmittagshitze kommt wie eine große Welle über mich. Ich bin in Nicaragua. Hans-Ludwig Mayer, der EIRENE-Koordinator in Managua, erwartete mich gleich hinter der Zollschranke. Mein Seesack erweckte das Interesse des Beamten, das fehlte mir gerade noch, jetzt alles auszupacken, doch anscheinend sah ich unverdächtig genug aus und konnte passieren. Schon saßen wir im Auto und fuhren bei untergehender Sonne durch Managua. In der Osterwoche sind im ganzen Land Ferien, die Stadt scheint nahezu menschenleer. Alles verriegelt und verrammelt, an die Gitter vor Fenstern und Türen muß ich mich erst noch gewöhnen."

Beim Zähneputzen denke ich darüber nach, was ich Dir noch alles schreiben will, liebes Deutschland; heute soll der Brief an Dich fertig werden. Zur Einstimmung auf das Land konnte ich unmittelbar nach meiner Ankunft ein von EIRENE gefördertes Projekt im Nordosten des Landes kennlernen, am Río Coco in der Zona Atlantica. Ein deutsches Filmteam dokumentierte für EIRENE den historischen ersten freiwilligen Umzug von Misquito-Indianern in das Landesinnere, und Hans-Ludwig Mayer hatte mir angeboten mitzufahren.

Anschließend verbrachte ich noch zehn Tage in Estelí (in der etwas kühleren Zona Central), um mich in einem Sprachkurs etwas besser mit dem nicaraguanischen Spanisch vertraut zu machen. Es liegt schon eine gewisse Ironie darin, zwar die Zeitung mehr oder minder flüssig lesen zu können, aber in den einfachsten Gesprächen immer wieder nachfragen zu müssen. Doch daran, daß zum Beispiel die im Spanischen nicht ganz unerheblichen s-Laute (besonders am Wortende) meist stumm gesprochen werden, muß ich mich eben erst gewöhnen. So heiße ich hier eben Féli' und fahre mit dem bu' durch das paí', das kann man sich doch an seinen die' dedo' abzählen, oder?

Busse sind sehr wichtig. Mit einer einzigen, 6 km langen Ausnahme (auf die ich weiter unten zurückkomme) gibt es seit Januar 1994 in Nicaragua keinen Eisenbahnverkehr. Die staatliche Eisenbahngesellschaft existiert nicht mehr, Schienen und Züge sind inzwischen so gut wie vollständig verschwunden. Deshalb sind ausgediente Schulbusse unbestimmbaren Alters aus den Vereinigten Staaten die wichtigste Form des Personentransports. Im klassischen Gelb, manchmal noch mit Originalaufschriften ("West Virginia High School District"), kann man meist im Stundentakt überall hingelangen. Neben den Richtungsangaben tragen die Busse innen wie außen religiöse Bilder und Botschaften: "Gott segne Dich", "Jesus Christus lenkt meinen Weg", "Die Liebe Gottes leite mich" oder "Mutter Maria schütze uns" kann man in allen Farben des Regenbogens lesen. Daß die Passagiere in der Regel heil und gesund (und mehr oder minder pünktlich) an ihr Ziel gelangen, kommt mir manchmal auch wie ein kleines Wunder vor. Bei allen Problemen der Kriminalität und der Gewalt in diesem Land fühle ich mich doch niemals und nirgends so sehr in Gefahr für Leib und Leben wie im Straßenverkehr.

Es war jedenfalls in der letzten Aprilwoche, als ich hier in Chichigalpa aus einem solchen Bus stieg. Meine neue Heimat ist ein kleines Städtchen inmitten von Palmen und weiten Feldern von Zuckerrohr. In nicht allzuweiter Ferne erhebt sich majestätisch eine Bergkette mit dem Vulkan San Cristóbal, dem höchsten Berg des Landes. Auf dem Schild am Ortseingang steht "Willkommen im Land von Rum und Zucker" und die Einwohnerzahl von 57.000. Wer da alles mitgezählt worden ist oder wie alt dieses Schild sein mag, kann ich nur raten, so um die 30.000 Menschen leben in Chichigalpa, sagte mir Zela. Das Zuckerrohr gehört zur Nicaragua Sugar Estate, dem Hauptarbeitgeber der Region. Die große Zuckerraffinerie San Antonio liegt etwas außerhalb Chichigalpas, auf der anderen Seite steht die Distillerie für den angeblich besten Rum Zentralamerikas, Flor de Caña. Zwischen beiden verläuft die oben erwähnte Ausnahme: Nicaraguas einzige noch funktionierende Eisenbahnlinie, knapp 200 m von meiner Haustür entfernt. Auf beiden Seiten der Schienen, die in ihrer Verlängerung direkt Richtung San Cristóbal laufen, stehen große Palmen, und deshalb heißt unser Viertel Las Palmeras, hier steht das Haus von Zela Maria Mejia.

Doña Zelita, wie sie von den Leuten genannt wird, ist die Vorsitzende des Comité San Esteban in Chichigalpa, meine Chefin und Gastmutter während der Zeit meines Dienstes hier. Seit über 15 Jahren engagiert sie sich als Sozialarbeiterin für die "Verbesserung der Lebensbedingungen in der Kommune", wie es in der Satzung des Comités heißt. Was das konkret bedeutet, lerne ich jetzt nach und nach kennen.

Die Vorschule Carlos Fonseca zum Beispiel. Über einhundert Kinder sind dort in diesem Jahr immatrikuliert und werden von zwei Lehrerinnen betreut. Das Gebäude wurde durch Spenden des Comité errichtet, das Gehalt der Lehrerinnen bezahlt das Erziehungsministerium. Für andere Ausgaben, sei es die Instandhaltung des Gebäudes, Unterrichtsmaterial oder Aktivitäten der Kinder ist die Vorschule weiterhin auf die Hilfe des Comités angewiesen. In der letzten Woche war ich dort einen Vormittag lang "Vertretungslehrer", und hatte nach einer knappen halben Stunde jegliche Kontrolle verloren. Die Kinder waren hellauf begeistert von meinen Sprachschwierigkeiten, und während ich versuchte, wenigstens mit der Hälfte der Klasse wie geplant Linien und Kreise zu malen, konnte ich nur hoffen, daß die andere Hälfte sich unterdessen keine Verletzungen beibrachte. Erst als es an die Verteilung des von der Regierung bereitgestellten Viertelliter Milch und Zwieback ging (auf den Kartons steht: Spende der Europäischen Union), hatte ich wieder die ungeteilte Aufmerksamkeit. Trotzdem war ich nach den vier Stunden fix und fertig.

Einen anderen Teil der Arbeit bildet die Betreuung von alten Menschen. Mit Naturheilkunde-Medikamenten, die wir im 15 km entfernten Chinandega einkaufen, fahre ich Zela kreuz und quer durchs Zuckerrohr, um die Alten zu besuchen. Rund 20 ancianos besuchen wir wöchentlich. Zela versucht, mit der Familie ins Gespräch zu kommen und hört sich die Sorgen und Beschwerden der Alten an. Mehrmals im Jahr werden Feste oder Ausflüge organisiert, erzählt sie mir, das sei für die Alten dann immer ein ganz besonderes Erlebnis.
Nach wie vor betreut das Comité auch ein Brillenprojekt: Gebrauchte Brillen aus Deutschland werden bei Bedarf kostenlos ausgegeben. Mit der 5-jährigen Jessica waren wir deshalb letzte Woche beim Optiker in León. Der Sehtest und das Rezept kosten 65 Cordoba (U$ 8), ein Gestell allein würde um die 800 Cordoba kosten, für die Familie unerschwinglich. Zum Vergleich: Ein Lehrer verdient knapp 600 Cordoba im Monat, manchmal muß weniger für eine sechsköpfige Familie reichen. Jessica bekommt ihre Brille in der nächsten Woche, ein gebrauchtes Gestell aus Deutschland.

Jetzt aber erst einmal frühstücken. An gebratene Bohnen kann man sich überraschend schnell gewöhnen. Trotzdem gehe ich lieber noch schnell hinters Haus und sammle die Mangos auf, die ich während der Nacht auf das Dach poltern hörte. Mit Haferflocken mixe ich daraus ein hervorragendes Müsli. Nach wie vor bin ich irritiert, daß im Kaffeeland Nicaragua meistens Instantkaffee getrunken wird. Natürlich liegt das unter anderem wohl daran, daß der qualitativ hochwertige Kaffee eben exportiert wird.

Wenig später sitze ich am Schreibtisch, knapp neben mir der Ventilator, schaue durch die Fliegenfenster und die Gitterstäbe und versuche meine Gedanken zu ordnen. Als ich ankam, habe ich mich noch gewundert, daß die Schreibtische in Büros und Behörden fast ausnahmslos leer sind, inzwischen habe ich selbst alles in Schubladen verstaut: Unglaublich schnell ist alles eingestaubt, was draußen steht. Mindestens einmal täglich muß der Fußboden gewischt werden, trotzdem erscheint es vergebliche Liebesmüh.

Wie ich heute morgen hörte, ist der Bundespräsident gut wieder in Bonn angelangt. Der Besuch von Roman Herzog war für Nicaragua ein bedeutendes Ereignis, in den Zeitungen oft genannt in einem Atemzug mit dem Papstbesuch Anfang des Jahres, und das will viel heißen. Schon im Vorfeld wurde das Interesse der Bundesrepublik an Nicaragua ausführlich beschrieben: Der nicaraguanische Botschafter in Deutschland ließ verlauten, man würde in Deutschland die Präsidentin Doña Violetta Camorro oft mit Konrad Adenauer vergleichen, der Deutschland aus den Ruinen der Nachkriegszeit in den Wohlstand geführt hätte. Gleich nach seiner Ankunft wurde Herzog ein Orden verliehen. Sowohl die Dauer seines Besuches hier als auch sein Interesse an Nicaragua, und die Tatsache, daß er hier seinen Besuch der Region begann, lösten fast schon hysterisch zu nennende Begeisterung aus. Immer wieder las ich über den Präsidenten des "reichen Deutschlands", der ein so "ökonomisch unbedeutendes Land" wie Nicaragua besucht. Ein bißchen wie Staatsbesuch von Sankt Nikolaus, der mit einem großen Sack voller Geschenke kommt; so war die Hoffnung der Regierung, und so gab sich der hohe Gast auch. Die Erwartungen, die Herzog mit seinem Auftreten hier weckte, sind gewaltig und in mancherlei Hinsicht auch problematisch. Die zugesagte Unterstützung, vor allem bei der dringend notwendigen Reinigung des "umgekippten" Managua-Sees, ist zweifellos wichtig und gut gemeint. Die Abhängigkeit des Landes von internationaler "Wohltätigkeit" und die damit verbundene Bittsteller-Mentalität werden jedoch weiter gefördert.

Daß zum Beispiel Deutschland nach wie vor einer der großen Gläubiger Nicaraguas ist davon war nirgendwo die Rede. Zur Zeit ist Nicaragua das Land mit der höchsten Pro-Kopf-Auslandsverschuldung. Unter anderem durch Darlehen der DDR, steht Nicaragua beim Rechtsnachfolger Bundesrepublik kräftig in der Kreide. In der laufenden Entschuldungskampagne sind zwar große Teile dieser Schulden erlassen worden, der verbleibende Rest, an den anscheinend nicht gerührt werden soll, knebelt den Staatshaushalt des Landes jedoch so sehr, daß die Begrüßung Herzogs durch Frau Chamorro als "Lieber Kollege Präsident und Freund" mir mehr als Wunschdenken erscheint.

Von Frau Präsidentin Chamorro kann man ziemlich sicher sein, daß sie ab Oktober nicht mehr im Amt ist. Über 40 Parteien mit den zugehörigen Kandidaten sind zur Zeit in einem Wahlkampf engagiert, der seinesgleichen sucht. Ein Skandal jagt den nächsten, Tabus gibt es nicht. Die FSLN hat nach vielem Hin und Her doch Daniel Ortega als Spitzenkandidaten nominiert, Sergio Ramirez sucht mit seiner MRS (Movimento Renovador Sandinista) Verbündete in der Mitte und rechtsaußen begeistert der Somozist Arnoldo Alemán die Massen. Wahltermin ist, wie gesagt, erst im Oktober, aber die Leute haben von dem "Affentheater" bereits jetzt die Nase voll. "Es sind doch sowiese alles Lügner, die nur ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen!", so höre ich immer wieder.

Liebes Deutschland, ich bin sehr freundlich hier empfangen und aufgenommen worden. Daran, daß das Leben hier langsamer läuft gewöhne ich mich so nach und nach: langsam eben. Offensichtlich ein Ausländer zu sein, ist eine sehr intensive, nicht besonders angenehme Erfahrung. Wenn ich hier chele, oder Weißer, genannt werde, ist das zwar nicht abwertend gemeint, aber wer wird schon gern über die Farbe seiner Haut identifiziert?! Nichtsdestoweniger bin ich sehr zufrieden damit, knapp eineinhalb Jahre hier verbringen zu können. Ich hoffe, daß Du mit dem Sammelsurium dieses Briefes etwas anfangen kannst, und mir gewogen bleibst.

Über eine Antwort von Dir, das kannst Du Dir sicher denken, freue ich mich immer sehr. Sei aus der Ferne herzlich und tropisch warm gegrüßt von

felix


Das Motiv des Schienenstrangs mit Palmen und Vulkan ist äußerst beliebt: Es ziert unter anderem das Etikett der Flor de Caña Flaschen und ist das Logo der Nicaragua Sugar Estate. Man kann das Haus Las Palmeras Nummer 203 darauf beinahe erkennen.

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Ich freu mich während des Dienstes mit Euch und Ihnen in direktem Kontakt zu stehen.