Mein liebes Deutschland -

Nicaraguas neuer Präsident, Arnoldo Alemán, war noch keine hundert Tage im Amt, als die Straßensperren errichtet wurden. Baumstämme, Steine, Geröll und jede Menge Leute auf dem Panamerikanischen Highway, der Estelí mit dem Rest der Welt verbindet; alle drei Stunden dürfen zehn Autos passieren, ansonsten ist alles dicht.

 

Der Streik

Diese erste Kraftprobe der Sandinisten mit der neuen Regierung war der vorläufige Höhepunkt wachsender politischer Spannung. Die "Liberalen" hatten ein ganzes Paket von Gesetzen zu verabschieden, die das Land in Aufregung versetzten. Am schwerwiegendsten war wohl das "Ley 147" über Nichtregierungsorganisationen, das die Arbeit zahlloser Organisationen und Projekte in Nicaragua betraf. Alle Organisationen dieser Art, zum Beispiel EIRENE in Managua, oder auch die Ortsvereine von Los Pipitos, sollen Ausgaben und Investitionen jeglicher Art von einem Staatsbeamten prüfen lassen müssen. Alle ausländischen Spenden, Anträge auf Projektgelder internationaler Organisationen u. dergl. müssen bei der Regierung genehmigt werden und bei der Auszahlung ebenfalls durch staatliche Behörden laufen. Die Strategie dieser Gesetzesvorlage richtet sich nicht nur gegen internationale Hilfsorganisationen, sondern auch und gerade gegen die nationalen NRO's die während der achtziger Jahre und verstärkt nach den Wahlen von 1990 enstanden und entsprechend stark sandinistisch geprägt sind. Die Regierung könnte nach Gutdünken über die "Zulassung" von genehmen Projekten entscheiden, und alles abblocken, was ihr nicht in den Kram paßt. Bei den Verhältnissen der hiesigen Bürokratie brächte das Gesetz nicht nur unweigerlich eine weitere Verzögerung aller Projektarbeit mit sich, es ist auch voraussehbar, daß ein Gutteil der Gelder im Gestrüpp der "Stempler" und "Unterschreiber" hängenbliebe und nicht an die betroffenen Gruppen der Bevölkerung gelangen würde. Ein weiterer Punkt war Arnoldo's Wahlversprechen an die Exilnicaraguaner, ihnen ihr in der Zeit der FSLN enteignetes Land zurückzugeben, und die Bodenreform überwiegend zugunsten der Anhänger und Freunde des Somoza-Clans rückgängig zu machen. Campesinos, die ihr Land rechtmäßig seit über 15 Jahren bewirtschafteten, wurden in einigen Ortschaften bereits mit Gewalt vertrieben, bei einigen Zusammenstößen gab es Verletzte und Tote.

Es sind hauptsächlich Bauern aus teilweise entlegenen Dörfern, die an der Panamericana die Barrikaden aufgebaut haben. Ein paar Steine, ein paar Baumstämme und ein paar Hundert Leute - und der Verkehr liegt lahm. Die stereotypen brennenden Autoreifen sind eher die Ausnahme, mehr nostalgisch wird abends oder nachts der eine oder andere in Brand gesteckt. Die Streikenden sind freundlich aber bestimmt, und gezielt gewaltfrei. Wird eine tranque dann doch geräumt, so baut man sie ein paar Kilometer weiter wieder auf, oder die nächste Barrikade läßt ein, zwei Stunden weiter die Straße runter auf sich warten. Bauern mit verderblichen Lebensmitteln, Zeitungen, Krankentransporte und Fahrzeuge internationaler Organisationen dürfen zügig passieren. Sympathisanten aus der Stadt versorgen die Barrikaden mit Lebensmitteln, nachts spielt Musik. Innerhalb der Städte läuft alles normal, noch sind die Lebensmittelpreise nicht gestiegen, obwohl alle Leute, die es sich irgendwie leisten können, auf Vorrat einkaufen.

Präsident Alemán, der zu Beginn des Streiks den starken Durchhalter markierte, ist inzwischen zu Gesprächen bereit. Daniel Ortega ist Kopf der gemischten Komission, die mit der Regierung verhandelt, doch die Frente - obwohl natürlich am stärksten engagiert - ist nicht die Kraft, auf die die Streikposten vertrauen. "Aquí mandan los indigenos", versichert mir einer der Streikenden, "hier haben die Indios das Sagen. Daniel kann verhandeln wie er will, er verhandelt nicht in unserem Namen. Wir wollen konkrete Ergebnisse." Politisches Klima Die zunehmende politische Ernüchterung hinsichtlich politischer Veränderung durch demokratischere Verhältnisse hat noch andere Gründe. Die Regierung von Präsidentin Violetta Chamorro, im Post-Wahlenthusiasmus noch halbernst für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, hat sich genauso bereichert, wie sie dies den Sandinisten ständig vorgeworfen hat. Bestechungsskandale, Doppelgehälter, undurchsichtige Abrechnungen und Eigentumsübertragungen, dubiose Privatisierungen staatlicher Betriebe, verschwundene Spendengelder auf nationalem wie auf kommunalem Niveau ...; eine "zweite Piñata", hört man immer häufiger. Piñata ist die lateinamerikanische Version des "Topfschlagens" - Höhepunkt eines jeden Kindergeburtstags oder Schulfests. Eine Tonschale, gefüllt mit Süßigkeiten und versteckt im Inneren einer Figur aus Karton und Kreppapier, wird beweglich aufgehängt und - schön der Reihe nach - mit verbundenen Augen und der Hilfe eines Stocks attackiert bis sie auseinanderbricht und Bonbons sich über die zu diesem Zeitpunkt meist leicht hysterische Kinderschar ergießt. Dann heißt es mitten hinein ins Gewühl, und mit beiden Händen greifen, soviel man kriegen kann. Momente des Glücks.

kinderAls Schimpfwort wurde "Piñata" für die letzten Amtshandlungen der sandinistischen Regierung nach der überraschenden Wahlniederlage von 1990 gebraucht. Noch schnell ein Haus, ein Grundstück, ein paar "süße Sachen" eben erhaschen, bevor die Macht aus den Händen gegeben wurde. (Vielleicht vergleichbar mit dem Wortungetüm "Seilschaften" nach dem Abdanken der DDR-Regierung?) Und die angeblich so viel demokratischere Regierung, so stellt sich nun heraus, war keinen Deut besser. Eher noch methodischer, gründlicher, gieriger. Wird "Politikverdrossenheit" nun auch ins Spanische übersetzt werden?

 

Die Pipitos

In den letzten Wochen und Monaten war die Arbeit der Pipitos bestimmt von dem näherrückenden Abgabetermin für die Projektunterlagen für das Arbeits- und Kommunikationszentrum Jugendlicher auf dem terreno der Pipitos. Kostenvoranschläge, Abrechnungen und Aufschlüsselungen getreu den detaillierten Projektvorgaben zusammentragen und in präsentationsfähiges Format bringen - viel Schreibtischarbeit. Besonders im Lichte der derzeitigen Situation solcher Projekte (s.o.) sind wir nun am Daumendrücken. Darüberhinaus habe ich mich vor allem darauf konzentriert, unsere Spanischschule bekannter zu machen. Standardpreise und Gruppenermäßigungen mußten neu kalkuliert und festgelegt werden, mit Postern und Faltblättern auf Englisch und Deutsch machen wir innerhalb und außerhalb Nicaraguas Werbung für das Programm - mit ersten Erfolgen. Nachdem im Dezember eine größere Gruppe schwedischer Studenten hier vier Wochen lang Spanisch lernte, erhalten wir nun immer öfter Post von Interessenten, hauptsächlich aus Deutschland, Schweden, der Schweiz und den USA. Einige Zeitschriften haben uns wegen unseres sozialen Anliegens - alle Gewinne aus der Schule kommen direkt den Pipitos zugute - kostenlose oder ermäßigte Anzeigen ermöglicht, akademische Einrichtungen in den USA sind an regelmäßiger Zusammenarbeit interessiert, und eine Agentur hat uns angeboten, nicaraguanische Spanischschulen gezielt in den USA und Kanada bekanntzumachen. Auch eine Webseite im Internet ist so gut wie fertig. Ab diesem Jahr hoffentlich kann Los Pipitos - Sacuanjoche ein stetiger Anteil der Eigenfinanzierung der Pipitos werden. Vielleicht kennst Du ja jemanden, liebes Deutschland, der Interesse an einem Spanischkurs in Estelí hätte - der Wochenkurs kostet um die U$ 200, inklusive 20 Stunden Unterricht samt Kursmaterial, Unterbringung in einer freundlichen Gastfamilie mit drei Mahlzeiten täglich und zwei Besuchen bei örtlichen Organisationen/Institutionen in Begleitung des Tutors.

Die Gartenarbeit auf unserem Stück Land geht natürlich weiter - der Kaninchenstall ist mir ein wenig großzügig geraten, wir sind für weiteren Kaninchenzuwachs (bisher: ein Paar!) gut gewappnet. Ein Hühnerstall ist als nächstes dran.

Mehrfach war ich in Managua auf "Globalfonds"-Sitzungen im EIRENE-Büro. Dieser Fonds besteht aus Entwicklungshilfegeldern der Europäischen Gemeinschaft, die unabhängige Projektpartner bei Organisationen wie EIRENE beantragen können. Seit mehreren Jahren werden die Cooperantes in den Entscheidungsprozeß über die Vergabe dieser Mittel - insgesamt um die U$ 100.000 im Jahr - miteinbezogen. Im Prinzip sind diese Gelder einmalige Zuschüsse - wenn der Projektpartner einen bestimmten Anteil in Eigenleistung oder -finanzierung aufbringen kann, kann der Rest des Projektbudgets aus den Globalfonds übernommen werden. Unter anderem wird möglicherweise mein ehemaliger Projekt-Arbeitsplatz in Chichigalpa von den diesjährigen Fonds profitieren können. Seit Anfang des Jahres Ruth und Bernhard Bischoff vom Comité San Esteban in Garbsen die Partner in Chichigalpa besuchten, hat sich dort einiges getan. Mit einem neubesetzten und neustrukturierten Comité in Chichigalpa wird die Partnerschaft weitergehen, bei meinem letzten Besuch in Chichigalpa war die Stimmung optimistisch. Die Zusammenarbeit zwischen der Stephanusgemeinde in Berenbostel-Garbsen und dem Comité in Chichigalpa steht nach der Aufklärung von Mißverständnissen auf einer neuen Basis - wer weiß, vielleicht wird ja ein neuer Freiwilliger aus Deutschland bald dort arbeiten können.

Während der Osterferien kam mich mein Bruder Julius besuchen und brachte Grüße und Geschenke. Natürlich verbrachte er nicht die ganze Zeit hier in Estelí. Zusammen fuhren wir auch nach Chichigalpa, erlebten traumhafte Ferientage auf Ometepe, einer Doppelvulkaninsel im See Nicaragua und an der Atlantikküste Nicaraguas.Viel zu schnell verging die Zeit.

 

Kirche und Religion

Freitag abend, kurz vor Sonnenuntergang, gleich halb sieben. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, bis wir in die Stadt gehen sollten, es sei denn wir wollen unsere Toleranzgrenzen wieder einmal ausreizen: Jeden Moment beginnt bei unseren Nachbarn der Gottesdienst.

Richtig ruhig ist es in nicaraguanischen Straßen und Häusern eigentlich nie. Überraschend still ist es höchstens, wenn der Strom ausfällt, so wie in dieser Woche fast täglich sechs Stunden. Dann verstummen die Radios der Nachbarn, die großen Kassettenrecorder der Straßenverkäufer, die ihre Lieblingsraubkopien verkaufsfördernd dudeln, die Fernseher geben den unvermeidlichen Novelas, südamerikanischen Endlosseifenopern, zur nicht geringen Verzweiflung der Zuschauer, eine Pause. Dann reduziert sich der Geräuschpegel auf die Dieselmotoren der uralten Busse, das Geknatter und Gehupe der Motorräder, die Obst- und Gemüserverkäufer mit ihren Holzkarren, die lauthals ihre Ware anpreisen, Straßenhändler und Losverkäufer, die alle um Kundschaft buhlen, spielende Kinder, streunende Hunde, Pferde, Kühe und Hähne, die sich mit der Tageszeit vertan haben. "Informeller Sektor" nennen das der Weltwährungsfond und die Weltbank.

In diesem Dezibelkonzert treten regelmäßig Solisten in Erscheinung: Das berühmt-berüchtigte städtische "Käseblättchen" kommt in Nicaragua nämlich ebenfalls in akustischer Form ins Haus. Rent-a-loudspeaker müßte man diese Art Unternehmen auf neudeutsch wohl nennen, Fahrzeuge mit großen Lautsprechern in der bedrohlichen Trötenform, die für einen erschwinglichen Stundenpreis durch die Stadt fahren und von Endloskassetten erbarmungslos die Neuigkeiten von Todesfällen, Gerichtsurteilen, Zahlungserinnerungen des Finanzamts, Beschlüssen des Oberbürgermeisters und den aktuellen Sonderangeboten des Supermarktes rundumbeschallen. Natürlich bei einer Lautstärke, die den Auftraggeber in der Gewißheit läßt, daß sich niemand der Information verschließen konnte.

Weit über dem üblichen Geräuschpegel liegen meistens auch die Gottesdienste der evangelicos, zahlloser evangelikaler Sekten und religöser Gruppen, die im traditionell katholischen Nicaragua vor allem von den USA aus Fuß fassen. Drei- bis fünfmal pro Woche versammeln sich diese Kleingemeinden in spärlich eingerichteten Räumen - und auch hier sind Lautsprecher, zur Missionierung der Nachbarschaft ein wichtiger Bestandteil. Meist ohne Instrumente, von rhythmischem Klatschen begleitet, leitet der Vorsänger die Gruppe. Ob es an den bis an die Schmerzgrenze aufgedrehten Verstärkern allein liegt, oder daran, daß die meisten Hymnen aus dem Englischen übersetzt zu sein scheinen, ohne dem lateinamerikanischem Empfinden für Rhythmen und Harmonien gerecht zu werden - die stundenlangen Gesänge, unterbrochen von Gebeten und Hallelujahs in atemberaubender Geschwindigkeit, sind in unmittelbarer Nachbarschaft wirklich ein akustischer Toleranztest. Die Regeln in diesen Sekten sind strikt: kein Alkohol, kein Rauchen, kein Tanzen, kein Ausgehen, kein Make-up, keine Hosen für Frauen, regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst.

Religion in Nicaragua ist komplex und Kirche und Kirchen allgegenwärtig. Erzbischoff Miguel Obando y Bravo residiert in einer (gut drei Jahre alten) postmodernen Kathedrale in Managua, die von einem Pizzahersteller im Exil finanziert wurde. Befürworter betonen die Notwendigkeit eines spirituellen Zentrums der Versöhnung für die gegnerischen politischen Lager im Land, Kritiker errechnen, wieviel Straßenkindern man für die Baukosten vor Unterernährung und Analphabetismus hätte bewahren können. In der Apsis ist ein großes Kreuz in der Wand ausgespart: Schaut man durch diese Öffnung in die eine Richtung, sieht man die Silhouette des Denkmals für Augusto C. Sandino, dem Volkshelden und Revolutionär der zwanziger Jahre, in dessen Tradition die FSLN steht. In der anderen Richtung blickt man auf den Wolkenkratzer der Bank of America, einem späten Sieger der Revolution. Vor der in Scheinwerferlicht getauchten Kathedrale stehen nach Einbruch der Dunkelheit Prostituierte an der belebten Carretera Masaya.. Die katholische Kirche ist Träger von Schulen und Universitäten, Würdenträger des päpstlichen Geheimordens Opus Dei schreiben regelmäßig in Zeitungskolumnen und -kommentaren. Vor den Wahlen machten alle ernstzunehmenden Präsidentschaftskandidaten ihre Aufwartung beim Erzbischoff, und letzterer ließ es sich nicht nehmen, am Wahlsonntag die Gemeinde aufzufordern, dem biblischen Text gleich endlich "die Schlange zu zertreten", was eindeutig verstanden wurde, den Sandinisten endlich ein Ende zu setzen. Von Versöhnung ist an dieser Stelle nicht viel zu hören.

Es sind die erwähnten evangelikalen Sekten, die sich großen Zulaufs erfreuen. Hier wird fixe Struktur und Halt geboten. Man mag die rigiden Auflagen kritisch sehen - aber die Familien, die zu diesen cultos gehören, sind oft die intaktesten: kein Vater der das Geld vertrinkt und die Kinder schlägt, um nur ein Beispiel zu nennen.

 

Unterstützerkreis

Vor kurzem schickte mir EIRENE die Zwischenabrechnung meines Spendenkontos für das Jahr 1996, das heißt, es sind hoffentlich auch alle Spendenquittungen bei Euch eingegangen. (Bitte nicht vergessen, auf den Überweisungsformularen vollständige Adressen anzugeben, wenn Spendenquittungen gewünscht werden.) Insgesamt sind seit April letzten Jahres Spenden in Höhe von DM 21.300mit dem Verwendungszweck "Felix Seyfarth" bei EIRENE eingegangen - ein tolles Ergebnis für das ich allen Unterstützerinnen und Unterstützern ganz herzlich danke! Durch die Hilfe von Euch und Ihnen allen, Einzel- und Dauerspendern, ist mein Dienst hier möglich geworden - für Eure Bereitschaft zur Unterstützung und Euer Vertrauen danke ich Euch und Ihnen allen.

 

Zum Abschluß noch ein Hinweis in Sachen Öffentlichkeitsarbeit:

Der Sternveröffentlicht in einer seiner nächsten Ausgaben, höchstwahrscheinlich am 15. Mai oder am 22. Mai, einen Artikel über Freiwilligenarbeit im Ausland. Mehrfach bin ich, als ein Fallbeispiel sozusagen, im vergangenen Monat dazu telefonisch interviewt worden und erwarte diese Woche einen Fotografen, der meine Arbeit bei Los Pipitos in ein paar Bildern festhalten soll. Vielleicht hast Du ja Lust, liebes Deutschland, dort einmal reinzuschauen. Sei herzlich gegrüßt und umarmt, liebes Deutschland -

Felix