Es sind hauptsächlich Bauern aus teilweise entlegenen Dörfern,
die an der Panamericana die Barrikaden aufgebaut haben. Ein paar
Steine, ein paar Baumstämme und ein paar Hundert Leute - und der
Verkehr liegt lahm. Die stereotypen brennenden Autoreifen sind
eher die Ausnahme, mehr nostalgisch wird abends oder nachts der
eine oder andere in Brand gesteckt. Die Streikenden sind freundlich
aber bestimmt, und gezielt gewaltfrei. Wird eine tranque dann
doch geräumt, so baut man sie ein paar Kilometer weiter wieder
auf, oder die nächste Barrikade läßt ein, zwei Stunden weiter
die Straße runter auf sich warten. Bauern mit verderblichen Lebensmitteln,
Zeitungen, Krankentransporte und Fahrzeuge internationaler Organisationen
dürfen zügig passieren. Sympathisanten aus der Stadt versorgen
die Barrikaden mit Lebensmitteln, nachts spielt Musik. Innerhalb
der Städte läuft alles normal, noch sind die Lebensmittelpreise
nicht gestiegen, obwohl alle Leute, die es sich irgendwie leisten
können, auf Vorrat einkaufen.
Präsident Alemán, der zu Beginn des Streiks den starken Durchhalter markierte, ist inzwischen zu Gesprächen bereit. Daniel Ortega ist Kopf der gemischten Komission, die mit der Regierung verhandelt, doch die Frente - obwohl natürlich am stärksten engagiert - ist nicht die Kraft, auf die die Streikposten vertrauen. "Aquí mandan los indigenos", versichert mir einer der Streikenden, "hier haben die Indios das Sagen. Daniel kann verhandeln wie er will, er verhandelt nicht in unserem Namen. Wir wollen konkrete Ergebnisse." Politisches Klima Die zunehmende politische Ernüchterung hinsichtlich politischer Veränderung durch demokratischere Verhältnisse hat noch andere Gründe. Die Regierung von Präsidentin Violetta Chamorro, im Post-Wahlenthusiasmus noch halbernst für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, hat sich genauso bereichert, wie sie dies den Sandinisten ständig vorgeworfen hat. Bestechungsskandale, Doppelgehälter, undurchsichtige Abrechnungen und Eigentumsübertragungen, dubiose Privatisierungen staatlicher Betriebe, verschwundene Spendengelder auf nationalem wie auf kommunalem Niveau ...; eine "zweite Piñata", hört man immer häufiger. Piñata ist die lateinamerikanische Version des "Topfschlagens" - Höhepunkt eines jeden Kindergeburtstags oder Schulfests. Eine Tonschale, gefüllt mit Süßigkeiten und versteckt im Inneren einer Figur aus Karton und Kreppapier, wird beweglich aufgehängt und - schön der Reihe nach - mit verbundenen Augen und der Hilfe eines Stocks attackiert bis sie auseinanderbricht und Bonbons sich über die zu diesem Zeitpunkt meist leicht hysterische Kinderschar ergießt. Dann heißt es mitten hinein ins Gewühl, und mit beiden Händen greifen, soviel man kriegen kann. Momente des Glücks.
Als Schimpfwort wurde "Piñata" für die letzten Amtshandlungen
der sandinistischen Regierung nach der überraschenden Wahlniederlage
von 1990 gebraucht. Noch schnell ein Haus, ein Grundstück, ein
paar "süße Sachen" eben erhaschen, bevor die Macht aus den Händen
gegeben wurde. (Vielleicht vergleichbar mit dem Wortungetüm "Seilschaften"
nach dem Abdanken der DDR-Regierung?) Und die angeblich so viel
demokratischere Regierung, so stellt sich nun heraus, war keinen
Deut besser. Eher noch methodischer, gründlicher, gieriger. Wird
"Politikverdrossenheit" nun auch ins Spanische übersetzt werden?
Die Gartenarbeit auf unserem Stück Land geht natürlich weiter - der Kaninchenstall ist mir ein wenig großzügig geraten, wir sind für weiteren Kaninchenzuwachs (bisher: ein Paar!) gut gewappnet. Ein Hühnerstall ist als nächstes dran.
Mehrfach war ich in Managua auf "Globalfonds"-Sitzungen im EIRENE-Büro.
Dieser Fonds besteht aus Entwicklungshilfegeldern der Europäischen
Gemeinschaft, die unabhängige Projektpartner bei Organisationen
wie EIRENE beantragen können. Seit mehreren Jahren werden die
Cooperantes in den Entscheidungsprozeß über die Vergabe dieser
Mittel - insgesamt um die U$ 100.000 im Jahr - miteinbezogen.
Im Prinzip sind diese Gelder einmalige Zuschüsse - wenn der Projektpartner
einen bestimmten Anteil in Eigenleistung oder -finanzierung aufbringen
kann, kann der Rest des Projektbudgets aus den Globalfonds übernommen
werden. Unter anderem wird möglicherweise mein ehemaliger Projekt-Arbeitsplatz
in Chichigalpa von den diesjährigen Fonds profitieren können.
Seit Anfang des Jahres Ruth und Bernhard Bischoff vom Comité San
Esteban in Garbsen die Partner in Chichigalpa besuchten, hat sich
dort einiges getan. Mit einem neubesetzten und neustrukturierten
Comité in Chichigalpa wird die Partnerschaft weitergehen, bei
meinem letzten Besuch in Chichigalpa war die Stimmung optimistisch.
Die Zusammenarbeit zwischen der Stephanusgemeinde in Berenbostel-Garbsen
und dem Comité in Chichigalpa steht nach der Aufklärung von Mißverständnissen
auf einer neuen Basis - wer weiß, vielleicht wird ja ein neuer
Freiwilliger aus Deutschland bald dort arbeiten können.
Während der Osterferien kam mich mein Bruder Julius besuchen und brachte Grüße und Geschenke. Natürlich verbrachte er nicht die ganze Zeit hier in Estelí. Zusammen fuhren wir auch nach Chichigalpa, erlebten traumhafte Ferientage auf Ometepe, einer Doppelvulkaninsel im See Nicaragua und an der Atlantikküste Nicaraguas.Viel zu schnell verging die Zeit.
Richtig ruhig ist es in nicaraguanischen Straßen und Häusern eigentlich nie. Überraschend still ist es höchstens, wenn der Strom ausfällt, so wie in dieser Woche fast täglich sechs Stunden. Dann verstummen die Radios der Nachbarn, die großen Kassettenrecorder der Straßenverkäufer, die ihre Lieblingsraubkopien verkaufsfördernd dudeln, die Fernseher geben den unvermeidlichen Novelas, südamerikanischen Endlosseifenopern, zur nicht geringen Verzweiflung der Zuschauer, eine Pause. Dann reduziert sich der Geräuschpegel auf die Dieselmotoren der uralten Busse, das Geknatter und Gehupe der Motorräder, die Obst- und Gemüserverkäufer mit ihren Holzkarren, die lauthals ihre Ware anpreisen, Straßenhändler und Losverkäufer, die alle um Kundschaft buhlen, spielende Kinder, streunende Hunde, Pferde, Kühe und Hähne, die sich mit der Tageszeit vertan haben. "Informeller Sektor" nennen das der Weltwährungsfond und die Weltbank.
In diesem Dezibelkonzert treten regelmäßig Solisten in Erscheinung: Das berühmt-berüchtigte städtische "Käseblättchen" kommt in Nicaragua nämlich ebenfalls in akustischer Form ins Haus. Rent-a-loudspeaker müßte man diese Art Unternehmen auf neudeutsch wohl nennen, Fahrzeuge mit großen Lautsprechern in der bedrohlichen Trötenform, die für einen erschwinglichen Stundenpreis durch die Stadt fahren und von Endloskassetten erbarmungslos die Neuigkeiten von Todesfällen, Gerichtsurteilen, Zahlungserinnerungen des Finanzamts, Beschlüssen des Oberbürgermeisters und den aktuellen Sonderangeboten des Supermarktes rundumbeschallen. Natürlich bei einer Lautstärke, die den Auftraggeber in der Gewißheit läßt, daß sich niemand der Information verschließen konnte.
Weit über dem üblichen Geräuschpegel liegen meistens auch die
Gottesdienste der evangelicos, zahlloser evangelikaler Sekten
und religöser Gruppen, die im traditionell katholischen Nicaragua
vor allem von den USA aus Fuß fassen. Drei- bis fünfmal pro Woche
versammeln sich diese Kleingemeinden in spärlich eingerichteten
Räumen - und auch hier sind Lautsprecher, zur Missionierung der
Nachbarschaft ein wichtiger Bestandteil. Meist ohne Instrumente,
von rhythmischem Klatschen begleitet, leitet der Vorsänger die
Gruppe. Ob es an den bis an die Schmerzgrenze aufgedrehten Verstärkern
allein liegt, oder daran, daß die meisten Hymnen aus dem Englischen
übersetzt zu sein scheinen, ohne dem lateinamerikanischem Empfinden
für Rhythmen und Harmonien gerecht zu werden - die stundenlangen
Gesänge, unterbrochen von Gebeten und Hallelujahs in atemberaubender
Geschwindigkeit, sind in unmittelbarer Nachbarschaft wirklich
ein akustischer Toleranztest. Die Regeln in diesen Sekten sind
strikt: kein Alkohol, kein Rauchen, kein Tanzen, kein Ausgehen,
kein Make-up, keine Hosen für Frauen, regelmäßige Teilnahme am
Gottesdienst.
Religion in Nicaragua ist komplex und Kirche und Kirchen allgegenwärtig. Erzbischoff Miguel Obando y Bravo residiert in einer (gut drei Jahre alten) postmodernen Kathedrale in Managua, die von einem Pizzahersteller im Exil finanziert wurde. Befürworter betonen die Notwendigkeit eines spirituellen Zentrums der Versöhnung für die gegnerischen politischen Lager im Land, Kritiker errechnen, wieviel Straßenkindern man für die Baukosten vor Unterernährung und Analphabetismus hätte bewahren können. In der Apsis ist ein großes Kreuz in der Wand ausgespart: Schaut man durch diese Öffnung in die eine Richtung, sieht man die Silhouette des Denkmals für Augusto C. Sandino, dem Volkshelden und Revolutionär der zwanziger Jahre, in dessen Tradition die FSLN steht. In der anderen Richtung blickt man auf den Wolkenkratzer der Bank of America, einem späten Sieger der Revolution. Vor der in Scheinwerferlicht getauchten Kathedrale stehen nach Einbruch der Dunkelheit Prostituierte an der belebten Carretera Masaya.. Die katholische Kirche ist Träger von Schulen und Universitäten, Würdenträger des päpstlichen Geheimordens Opus Dei schreiben regelmäßig in Zeitungskolumnen und -kommentaren. Vor den Wahlen machten alle ernstzunehmenden Präsidentschaftskandidaten ihre Aufwartung beim Erzbischoff, und letzterer ließ es sich nicht nehmen, am Wahlsonntag die Gemeinde aufzufordern, dem biblischen Text gleich endlich "die Schlange zu zertreten", was eindeutig verstanden wurde, den Sandinisten endlich ein Ende zu setzen. Von Versöhnung ist an dieser Stelle nicht viel zu hören.
Es sind die erwähnten evangelikalen Sekten, die sich großen Zulaufs erfreuen. Hier wird fixe Struktur und Halt geboten. Man mag die rigiden Auflagen kritisch sehen - aber die Familien, die zu diesen cultos gehören, sind oft die intaktesten: kein Vater der das Geld vertrinkt und die Kinder schlägt, um nur ein Beispiel zu nennen.
Zum Abschluß noch ein Hinweis in Sachen Öffentlichkeitsarbeit:
Der Sternveröffentlicht in einer seiner nächsten Ausgaben, höchstwahrscheinlich am 15. Mai oder am 22. Mai, einen Artikel über Freiwilligenarbeit im Ausland. Mehrfach bin ich, als ein Fallbeispiel sozusagen, im vergangenen Monat dazu telefonisch interviewt worden und erwarte diese Woche einen Fotografen, der meine Arbeit bei Los Pipitos in ein paar Bildern festhalten soll. Vielleicht hast Du ja Lust, liebes Deutschland, dort einmal reinzuschauen. Sei herzlich gegrüßt und umarmt, liebes Deutschland -
Felix