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Feliz Año Nuevo, liebes Deutschland,
in Nicaragua hat der Präsident Arnoldo Aleman die Staatsgeschäfte
übernommen, in den Städten haben neugewählte Bürgermeister ihr
Amt angetreten, und wir harren der Dinge, die da kommen sollen.
Optisch zumindest tut sich einiges: einige Straßen werden repariert,
Brücken gebaut, neue Geschäfte öffnen - ist das nun alles der
neuen Regierung zu verdanken? OrientierungNach knapp drei Monaten mit Los Pipitos habe ich mich in Estelí "gut eingelebt", wie es so schön heißt. Ein guter Maßstab dafür ist unter anderem die Kenntnis der örtlichen Referenzpunkte, ich will das kurz erklären:Im letzten September sorgte die Schlagzeile für einige Aufregung, Nicaragua wollte ein Postleitzahlsystem einführen, zunächst schrittweise in Managua, dann im Rest des Landes. Was daran so besonderes ist? Unter anderem müßten damit auch die meisten Straßen einen Namen bekommen. Bisher gibt man Adressen hier etwa folgendermaßen an: Vom Kino Altamira anderthalb Blocks nach Westen (das EIRENE-Büro in Managua), Von der Banken-Ecke ein Block nach Süden und einen halben Block zum Fluß (das Kulturzentrum Arrayan in Estelí) oder Von der Brücke Panama Soberana einen Block nach Norden und zwei Blocks nach Osten. Ein Orientierungssystem für Einheimische eben - wer die örtlichen Fixpunkte nicht kennt, dem nützen diese Angaben wenig. Oft genug sind es nämlich nicht nur Referenzen wie Kirchen, Hotels, Banken etc., sondern eher obskure Angaben, für die man sich wirklich einigermaßen auskennen muß. Mein Lieblingsbeispiel dazu (in Malpaisillo) lautet: Vom Bäumchen drei Blocks nach Süden und ein Block nach Westen; so wurde zu einer Versammlung eingeladen. Zusätzlich wird dieses Schema noch dadurch erschwert, daß statt "Westen" normalerweise abajo (nach unten) und für "Osten" arriba (nach oben) verwendet wird. Theoretisch kann man sich das zwar mit der Eselsbrücke Sonnenaufgang/Sonnenuntergang gut merken - aber eben nur theoretisch.
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In Estelí kenne ich inzwischen die wichtigsten Orientierungspunkte
- kein Problem also, ich finde mich zurecht. Theoretisch jedenfalls. Das neue SchuljahrDie gute Resonanz dieser Elternversammlungen hat möglicherweise auch mit dem wöchentliche Radioprogramm "En Marcha" (etwa: Unterwegs) zu tun. Mit Spendengeldern für öffentlichkeitsarbeit und dank der ehrenamtlichen Arbeit einer Journalistin können wir eine halbe Stunde wöchentlich im Radio Liberación (97,2 Mhz) finanzieren. Punkt zehn Uhr jeden Mittwoch winkt uns César von der anderen Seite der Glasscheibe zu, das "On-Air" Licht geht an und mit Doña Aura Estela zusammen berichte ich im Lokalradio eine halbe Stunde über Aktivitäten der Pipitos, Probleme der Behinderten in der Region und Erreichtes in unserer Arbeit. Immer wieder ist es spannend: wie lang sich manchmal die Minuten dehnen, wie schnell an anderen Tagen die Zeit vergeht, wieviel oder wenig von meinen Vorbereitungen ich tatsächlich verwenden kann... Vor Mikrofon und Lampe ist Spanisch dann auf einmal doppelt und dreimal so schwierig.Erst hinterher kommt dann das Gefühl "Es lief gut!" - oder auch nicht. Aber gerade während der Hausbesuche hörten wir von einigen Eltern, daß sie auf die Sendung warten, durch das Radio von den Immatrikulationsterminen der Pipitos und der Sonderschule erfuhren oder nach unserer Einladung in unserem Gemüsegarten mitzuhelfen, sich tatsächlich auf den Weg gemacht haben. El TerrenoDort bin ich jeden Dienstag. Während der trockenen Jahreszeit müssen wir die kleinen Bäumchen im "Wald der Freundschaft" täglich bewässern, damit auch wirklich ein Wald daraus wird. Natürlich sprießt vor allem das Unkraut, das Jäten hat nie ein Ende. Dem ziemlich wild bewachsenen Stück Boden gewinnen wir ein Beet nach dem anderen ab: Die trockene Erde loshacken, Steine absammeln, hacken, noch mehr Steine absammeln, Dung untermischen, bewässern, harken, Beet anlegen, abdecken, aussäen, bewässern - und jäten. Da wird einem die Zeit nicht lang. Rote Beete, Radieschen, Karotten, Gurken und Paprika wachsen stetig in die Höhe. Dazu kommen Einkäufe von Gießkannen, einer Schubkarre und verschiedenen Werkzeugen nach gründlichen Preisvergleichen. Selbst beim Einkauf der Pflanzensamen muß man vorsichtig aussuchen: Im kühlen Klima Estelís wächst längst nicht alles, was in der heißeren Ebene gut gedeiht. Da hilft die Expertise von Natalia, einer Agronomin, die dank finanzieller Unterstützung aus Deutschland inzwischen auf dem terreno arbeitet.Etwa die Hälfte des Geländes ist eingezäunt, um Nachbars Kühe von den jungen Pflanzen fernzuhalten, und in einem kleinen Haus lebt der Wächter mit seiner Familie. Don Nerio putzt tagsüber Schuhe im Zentrum von Estelí. Er hat sich verpflichtet, außer der Nachtwache täglich zwei Stunden Arbeit suf dem Gelände zuleisten- dafür kann er dort umsonst wohnen. Nerio jr., ein zweijähriges Kind mit Down-Syndrom, quiekt fröhlich, wenn wir kommen. Für seine Familie bedeutet die Arbeit seines Vaters eine erhebliche Verbesserung vor allem der Wohnverhältnisse, für ihn steht aus den Pipitos-Beständen ein Kinderrollsitz zur Verfügung. Mit den drei mittleren Fingern der rechten Hand formt er eine Art Löffel (einen "Göffel" ?!), legt den Kopf schief und stopft sich den Mund mit Reis und Bohnen voll. Auf diesem Gelände, ich schrieb das im letzten Brief bereits, sollen Behindertenwerkstätten, ein behindertengerechter Spielplatz und ein Arbeits- und Freizeitzentrum entstehen. Im Moment dreht sich jedoch alles noch um die Beantragung der Gelder: Ausführliche Projektanträge mit detaillierten Kostenvoranschlägen, Bauzeichnungen und Organigrammen lassen das Vorhaben manchmal noch in weiter Ferne erscheinen - doch wenn alles gut geht und die Mittel bewilligt werden, werde ich die ersten Arbeiten noch während meines Dienstes hier erleben. Ein klitzekleiner Beitrag zum Gesamthaushalt des Projektes kommt aus der wöchentlichen Doppelkopfrunde der deutschen Cooperantes in Estelí. Für den guten Zweck, der sich so nützlich mit dem Angenehmen verbinden läßt, treffen wir uns in einer Gruppe von manchmal bis zu acht Leuten jeden Montag abend zum Karten spielen. Alle Gewinne - genauer gesagt: die zu bezahlenden Minuspunkte - werden in eine Kasse zu Gunsten der Pipitos eingezahlt. Als eingefleischter Skatspieler fällt es mir nicht schwer, selbst mit einem ziemlich sicheren Blatt zu verlieren; wenn ich nicht schnell lerne, wird wohl ein Volleyballnetz oder eine Steckdose irgendwo im neuen Haus eine kleine Messingplakette mit meinem Namen tragen. Las ComarcasDonnerstags muß ich ganz früh los. Der einzige Bus nach La Tejera fährt um 7 Uhr vom Busbahnhof ab. Eigentlich fährt er gar nicht nach La Tejera, wo ich Doña Teresas Gruppe behinderter Kinder besuche, sondern in die Nachbarkommune San Nicolás. Von der Kreuzung ist es noch eine gute halbe Stunde Fußmarsch, vorbei an Campesino-Häusern, Kartoffelfeldern und Kiefernwäldchen und über einen kleinen Fluß, bis ich bei Teresa und ihrer Pipitos-Gruppe ankomme. Auch Teresa arbeitet ehrenamtlich, durch die Basisarbeit, die mit Hilfe von Unicef in diesen ländlichen Regionen geleistet wird, erhält sie jeden Monat einen Betrag für Lebensmittel und Transportkosten, damit die Jugendlichen eine gemeinsame Mahlzeit in ihrem Haus einnehmen können. Wasser holt sie aus einem Bach hinter ihrem Haus. Gegen Bakterien wird mit Chlor desinfiziert (eine nicaraguanischer Werbespot für eine populäre Bleiche wirbt unter anderem mit der Tatsache, daß sich mit nur ein paar Tropfen eine ganze Gallone Wasser desinfizieren läßt), trotzdem zieht ihre freundliche Bewirtung bei mir oft eine leichte Magenverstimmung nach sich. Unter den einfachen Bedingungen läßt sich hier auf dem Land nur mit sehr viel Geduld arbeiten. Viele Eltern verstehen nicht so recht, warum sie ihre behinderten Kinder zu den Pipitos schicken sollen. Lesen und Schreiben, so das häufigste Argument, lernen sie doch sowieso nie. Wenn sie im Haus bleiben, können sie wenigstens im Haushalt zur Hand gehen.Wer sich wie Doña Teresa ehrenamtlich engagiert, gerät auch schon mal in den Verdacht, dies zu seinem eigenen Vorteil zu tun. Wer weiß, ob die Sachen, die wir dort herstellen, nicht von ihr mit Gewinn verkauft werden? Was tatsächlich an Gewinn abfallen könnte, reicht aber in der Regel kaum, um neue Materialien zu kaufen. Das spannendste in dieser Gruppe von acht bis zwölf Jugendlichen war das Töpfern. Ein Stück weit von Teresas Haus muß man nicht tief graben, um guten Ton zu finden. Schon die Expedition dorthin, auf dem Rückweg mit vollen Plastiktüten, war für die Gruppe sehr aufregend. Die meisten sitzen sonst den ganzen Tag im Haus. Dann eine Woche später, nachdem der Ton gut eingeweicht war und wir die kleinen Steinchen herausgesammelt hatten, ging es los: Eine ganze Menge kleiner Schüsseln und Näpfe trocknen nun vor dem Haus in der Sonne. Wenn alle halten, werden sie im offenen Feuer gebrannt und dann bemalt. Bis nächsten Donnerstag! ¡Gracias!Zum Abschluß dieses Briefes noch ein großes Dankeschön! für Deine Weihnachtspost. Deine Briefe, Karten und Päckchen kamen in einem großen Stapel hier an und waren ein wunderbares Geschenk von Dir. Ich habe viel an Dich gedacht, und werde mich bemühen jeden einzelnen Gruß auch persönlich zu beantworten - wenn es auch ein wenig dauern wird.
Mit dem neuen Jahr (endlich wieder eins mit einer "Ecke"...) hat
sich für mich mehr verändert, als ich zunächst dachte: Ich grüße Dich ganz herzlich und hoffe Du bleibst mir gewogen -
euer felix c. seyfarth |