diesen Brief an Dich habe ich lange hinausgezögert, bitte entschuldige die Verspätung. Schon Ende August lief mein Dienstvertrag mit EIRENE und den Pipitos aus, nun bin ich schon über einen Monat wieder hier - und es ist immer noch schwierig, die richtigen deutschen Worte zu finden.
Die letzten drei oder vier Monate meines Nicaraguaaufenthaltes scheinen im Zeitraffer vergangen zu sein. Kaum wußte ich, wo die Zeit blieb; dann war es schon der Tag, an dem ich in das Flugzeug Richtung Berlin stieg. Es ist unheimlich spannend, wieder hier bei Dir zu sein, jeden Tag erinnere ich mich neu an die vielen kleinen und großen Dinge, die ich vergessen und verlernt habe - es wird sicher noch eine Weile dauern, bis ich ganz angekommen bin.
Eine kleine Mücke gab mir noch eine nette Erinnerung mit auf den Weg: kaum zwei Wochen wieder hier, bekam ich hohes Fieber und lag eine Woche mit Malaria im Krankenhaus. Inzwischen bin ich wieder gesund, und auch ein Wiederholungsanfall kann mit hoher Wahrscheinlichkeit, so der Arzt, ausgeschlossen werden.
Zurückgekehrt
Angekommen bin ich in Rostock, wohin meine Eltern während meiner Abwesenheit umgezogen sind. (s.u.)
Zurückgelassen habe ich ein Nicaragua, in dem viele Sachen noch ungewisser sind, als sie es vor anderthalb Jahren waren. Der ganze Sommer war geprägt von Auseinandersetzungen der Regierung mit der Opposition im Parlament und auf der Straße. Kurzzeitig - zum Jahrestag der Revolution im Juli - sah es sogar so aus, als würde Alemans Regierung gestürzt werden. In Esteli hörten wir von bewaffneten Banden aus den Bergen, die einen Banküberfall in der Stadt planten - angereizt durch die dicken Konten der Zigarrenfabrikanten in der Region. Ein paar Wochen lang patroullierten ziemlich schwer bewaffnete Soldaten an den Ecken zusätzlich zu den obligatorischen Wächtern, aber alles blieb ruhig. Die Regierung begann einen nationalen Dialog der Runden Tische zu den Themen: Landenteignung, Bildung, Gesundheitsversorgung etc.
Ziel dieser Runden Tische sollte es sein, Vorschläge für Gesetzesvorlagen im Parlament zu erarbeiten. Nachdem diese Dialogbemühungen nur recht mühsam vorankamen und immer wieder Warnstreiks und Demonstrationen das Klima verschärften, stellte sich nun kurz vor meiner Abreise heraus, daß die Liberale Partei bereits seit der Amtsübernahme des Präsidenten mit der FSLN Geheimverhandlungen zu den gleichen Themen geführt hatte. Die Kompromißvorschläge dieser Geheimverhandlungen sind nun veröffentlicht worden, aber ob die Runden Tische ihnen zustimmen oder nicht ist völlig irrelevant, da mit den Mehrheiten von Frente und Alianza Liberal im Parlament sogar Verfassungsänderungen bequem durchgehen. Auch Präsident Arnoldo mußte (wie Violetta Chamorro) einsehen, daß man gegen oder auch nur ohne die Frente in Nicaragua nicht regieren kann.
Perspektiven
Eines der neuen Schlüsselworte für die Situation im Land ist die sogenannte Afrikanisierung. Im ökologischen Sinne ist damit die fortschreitende Abholzung der Regenwälder und die damit verbundene Erosion des Bodens gemeint. Mittelfristig sind Trockenheiten und Überschwemmungen, Mißernten und Hungerkatastrophen zu erwarten.
Klimatische Änderungen werden bereits jetzt deutlich. Was die Klimatologen etwas ratlos El Niño nennen, faßt meine 58-jährige Nachbarin Doña Delia so zusammen: "Das ist doch kein Sommer. So wenig Regen gab es früher nie - aber da war eben noch Wald auf allen Bergen, soweit das Auge reichte. Schon im Frühjahr hat sich der Regen fast einen Monat verspätet, das gab's früher nie - und nun sieh dir das an, nach so wenig Wasser ist es schon wieder trocken."
Afrikanisierung hat aber auch eine politische Bedeutung. Zwar sind es in Nicaragua nicht verschiedene Stämme oder ethnische Gruppen, die sich gegenüberstehen - aber die verschiedenen politischen Strömungen sind in einem Stellungskrieg gefangen, der das Land weitgehend lähmt. Keine der Parteien ist allein oder in einer möglicher Koalition stark genug, eine bestimmte Richtung vorzugeben. Jede Entscheidung, jedes Gesetz, jeder Beschluß sind Ergebnis zähen Ringens, sind Ergebnis von Machtdemonstrationen, Drohungen und Konflikten. Auf die nächste Wahl zu warten, kann sich Nicaragua nicht leisten.
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Im Gegenteil: Innerhalb dieser Legislaturperiode müssen und werden Entscheidungen fallen, die Stabilität und Strukturen im Land über Jahre hinweg festlegen. Wird Nicaragua, wie manche planen, eine einzige Freihandelszone werden, in der ausländische Firmen steuerfrei billige Arbeitskraft nutzend Hemden und Hosen für westliche Märkte produzieren? Werden Bio-Kaffee und Ökotourismus sich entwickeln können und eine wirtschaftliche Alternative darstellen? Was können wir tun, Deutschland, Du und ich, um unserer Verantwortung in dem großen globalen Geflecht gerecht zu werden?!
Ich merke, wie mich die Zeit in Nicaragua mehr verändert hat, als ich dies vermutet hätte. Daß Nachrichten aus Mittelamerika hier nur selten und sehr knapp ankommen, wird mir täglich schmerzhaft bewußt. Der Film "Carla¹s Lied" des Briten Ken Loach, den ich bereits in einem Rundbrief des letzten Jahres erwähnte, läuft erst jetzt in deutschen Kinos an. In der zweiten Hälfte des Films ist viel Nicaragua zu sehen, überwiegend Esteli und Umgebung während der Zeit des Bürgerkrieges - nicht ganz frei von Klischees, aber ein interessanter Einblick in Land und Leute in dieser Zeit.
Unterwegs
Ich war und bin viel unterwegs in den letzten Wochen: das Abschlußgespräch bei EIRENE, das Rückkehrerseminar mit anderen Freiwilligen, Öffentlichkeitsarbeit, Besuche bei Familie, Freunden und Unterstützern.
Viele Papiere und Fotos liegen noch ungeordnet herum, aber es geht Schritt für Schritt voran. Im Moment bereite ich einen "Nicaragua-Abend" in Schwerin vor.
Auch in Garbsen, beim Comite San Esteban, wird es wahrscheinlich eine solche Veranstaltung geben. Sollte andernorts für so einen Vortragsabend ebenfalls Interesse bestehen? Ich bin gern bereit, über meine Erlebnisse vor und während dieses Dienstes zu berichten. Erreichbar bin ich bis auf weiteres unter der Rostocker Adresse meiner Eltern.
An den Unterstützerkreis
Ein Wort zum finanziellen Aspekt des Dienstes: Die Endabrechnung meines Spendenkontos weist einen positiven Saldo aus! Insgesamt sind im Laufe der letzten 19 Monate zu meinem Erstaunen und zu meiner großen Freude dort ca. DM 30.000 eingegangen. Ich hätte dies nicht für möglich gehalten und freue mich sehr über dieses Ergebnis. Ich danke Euch und Ihnen allen, die dazu beigetragen und durch Anteilnahme und Solidarität diesen Dienst ermöglicht haben. Spendenbestätigungen werden Euch und Ihnen zum Jahresende von EIRENE unaufgefordert zugeschickt, sofern die Spenderadresse auf der Überweisung angegeben war.
Der vierteljährlich erscheinende EIRENE-Rundbrief wird bis auf weiteres an die einige der Spender verschickt werden. (Ein kurzer Anruf bei EIRENE reicht aus, um Eure oder Ihre Adresse aus dem Verteiler zu streichen.)
Ich schreibe meinen letzten Rundbrief, liebes Deutschland, das ist ein merkwürdiges Gefühl. Vor knapp zwei Jahren habe ich mich das erste Mal an Euch und Sie gewandt, und um Hilfe für meinen Freiwilligendienst gebeten. An dieser Stelle sage ich allen herzlichen Dank, die durch ihr Interesse, Ihr Engagement, Ihre Spenden diesen Dienst ermöglicht haben. Mit vielen von Euch und Ihnen habe ich ausführlich vor und nach der Vertragszeit reden können, bei manchen war das (noch) nicht möglich. Ich hoffe, daß sich dazu Gelegenheit finden läßt. Bis dahin grüßt Euch wie immer ganz herzlich,
felix c. seyfarth
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noch ein P.S.: | Manche von Euch und Ihnen haben mir signalisiert, daß ihre Spenden auf die Zeit meines Dienstes beschränkt seien. Vielleicht gibt es auch den einen oder die andere, die gerne das Comite San Esteban in Chichigalpa oder Los Pipitos in Esteli in ihrer Arbeit für eine Verbesserung der Lebensbedingungen in Nicaragua weiter fördern wollen. EIRENE ist auch weiterhin auf Spenden angewiesen, um in Nord und Süd weiterzuarbeiten.
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Spenden für Los Pipitos:
Konto: 10 11 38 00 14 bei der
Bank für Kirche und Diakonie Duisburg
BLZ: 350 601 90
Empfänger: EIRENE
Verwendungszweck: PIPITOS ESTELI(Spendenquittungen bei Adreßangabe)
Spenden für das Comite San Esteban:
Konto: 4000 200 bei der
Volksbank Garbsen
BLZ: 251 62 563
Empfänger: Stephanus-Solidaritätsfonds
Verwendungszweck: CSE ChichigalpaEIRENE e.V.
Engerser Str. 74 b
D - 56564 Neuwied
Fon: (02631) 83 79-0
Fax: (02631) 31 16 0
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