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<title>Felix Seyfarth @ Chichigalpa, Nicaragua 1996</title>
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<h2 align="center">Misquitos und Moskitos am Río Coco<p></h2>

<h3 align="center">Reisebericht 6.-14. April 1996</h3><p>
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Erdnüsse gibt es also heute keine. Es gibt auch keine Stewardessen, nicht einmal die vor jedem Flug vorgeschriebenen Evakuierungsinstruktionen fanden heute statt - in der zwölfsitzigen Cessna mit der wir am Karsamstag von Managua nach Waspam fliegen ist selbst der Sitz des Kopiloten mit einem zahlenden Passagier besetzt.
Eigentlich hätte ich es ahnen sollen; das mit den Erdnüssen meine ich. Schließlich verzögerte sich der Abflug bereits um zwei Stunden, da die Maschine die Strecke (knapp 600 km) im Pendelverkehr fliegt - Claro! sagt uns der Angestellte der Fluggesellschaft, erst wenn das Flugzeug angekommen ist, kann es losgehen. Wann das genau sei, wüßte hier niemand so genau.
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Aus der Vogelperspektive sehe ich zuerst die ausgetrocknete Umgebung von Managua. Kreisförmige Bewässerungsanlagen sind kleine grüne Oasen in der bräunlichen Landschaft. Die Bergkette im westlichen Landesteil ist manchmal durch die Wolken zu erkennen. Nach einer knappen halben Stunde wird es grüner, Flüsse schlängeln sich unter uns Richtung Atlantik. Etwas später überfliegen wir, was von oben wie bemooste Hügel aussieht: tropischen Regenwald. Eine grüngesprenkelte Decke, eher noch ein endloser grüner Teppich, von einzelnen Urwaldriesen durchbrochen. Selbst aus dieser Perspektive empfinde ich Ehrfurcht, in wenigen Tagen werden wir in diesem Dschungel unser Quartier aufschlagen. 
Der Teppich hat Löcher, Brandlöcher. Immer wieder sehe ich dicke Qualmwolken aufsteigen, die an den Rändern oder mittendrin das Grün zerfressen. Hier wird Ackerland gewonnen, nach der Tradition der Menschen hier. Auch in Nicaragua gibt es massive Kampagnen gegen die Vernichtung des Regenwaldes, trotzdem gibt es Befürworter. Internationale Holzfirmen gehören zu den großzügigsten Investoren in diesem Land, das dringend Geld braucht. Das bringt die &quot;grüne Lunge unseres Planeten&quot; der Regierung nun mal nicht, solange sie noch atmet.
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Der Pilot beginnt den Landeanflug. Doch wo ist der Flughafen? Wo, bitteschön, soll hier eine Piste sein?! Vielleicht sollte ich dem Piloten mal freundlich auf die Schulter tippen und ihn fragen - ich müßte mich dazu nicht einmal vorbeugen. Doch da bemerke ich in einiger Entfernung einen bräunlichen Streifen im Grün, dem wir uns bedenklich schnell nähern. Dort soll man landen können. Noch ehe ich mich richtig freuen kann, daß ich wenigstens nichts im Magen habe ist es schon passiert. Holpernd setzen wir auf einem Schotterstreifen von der Qualität eines besseren mecklenburgischen Landweges auf. Voller Rückschub, und die Maschine kommt tatsächlich rechtzeitig zum Stehen. Das Flughafengebäude ist eine offene Holzbaracke, menschenleer. Die Gepäckausgabe findet direkt aus dem Flugzeugbauch statt. Kaum haben wir unsere Taschen mit dem Notwendigsten (Moskitoschutz, Moskitonetz, Sonnenschutzmittel, Toilettenpapier, Taschenlampe, Trinkwasser und noch etwas mehr Moskitoschutz) gegriffen und uns wenige Meter entfernt rollt der Pilot schon wieder an. Schon ist die Cessna ein Punkt am Himmel, und wir stehen klatschnaßgeschwitzt (Luftfeuchtigkeit etwa 95% bei 36° C) etwas betreten in Waspam, Nicaragua, scheinbar am Ende der Welt.
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Die knapp 3.500 Einwohner von Waspam gehören mehrheitlich dem Volk der Misquito Indianer an. Die Misquitos leben im abgelegenen und unerschlossenen Nordosten Nicaraguas - ein Indianervolk von insgesamt 70.000 Menschen, die im Gegensatz zum Rest Nicaraguas nie von Spanien kolonisiert wurden. Die Region war lange Zeit unter britischem Protektorat, danach bis1890 autonomes Gebiet innerhalb des Landes. Dadurch sprechen nicht nur viele der Bewohner eher Englisch als Spanisch neben der Misquito-Sprache, auch der Einfluß protestantischer Missionare ist hier größer als im übrigen Nicaragua. Traditionell leben die Misquitos auf beiden Seiten des Río Coco, der die Grenze zwischen Nicaragua und Honduras bildet. Je nach politischer Wetterlage wurden sie von beiden Seiten stiefmütterlich behandelt, erst in jüngster Vergangenheit setzt man in Managua auf Dialog mit den lokalen Behörden.<p>

<img hspace="10" border="1" SRC="fluss.jpg" align="right" WIDTH="118" HEIGHT="198">Der Fluß spielt eine wichtige Rolle im Leben der Misquitos. Er ist wichtige Grundlage für Ernährung, Handel und Transport - und nicht zuletzt traumhaft schön. Hier gibt es die letzten Gebiete relativ unversehrten tropischen Regenwaldes des Landes.
Doch alle drei bis fünf Jahre kommt es an den Ufern des Flusses zu gewaltigen Überschwemmungen. Grund für die regelmäßigen Katastrophen ist die Erosion der Flußufer am Oberlauf. Dort ist der Regenwald weitgehend gerodet und während der Regenzeit ergießt sich alles Wasser in den Río Coco. Der Fluß, der zur momentanen Trockenzeit stellenweise zum Flüßchen wird, mit Sandbänken die geschickt zu umfahren sind, schwillt dann zum mächtigen Strom, der die Dörfer an seinen Ufern zerstört. In der Vergangenheit gab es deshalb mehrere Zwangsumsiedlungen der Misquitos.
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Vor Beginn meiner Dienstzeit in Chichigalpa habe ich hier Gelegenheit, ein von EIRENE unterstütztes Umsiedlungsprojekt kennenzulernen. Ich reise mit einem zweiten Freiwilligen aus der Schweiz als Anhängsel an ein dreiköpfiges deutsches Filmteam und den EIRENE-Koordinator aus Managua, die ein historisches Ereignis dokumentieren wollen: den ersten freiwilligen Umzug von Misquito-Indianern in das Landesinnere, weg vom Río Coco. Nach mehrjähriger Vorbereitung sollen die ersten 30 Familien in das Landesinnere ziehen. Schlüsselfiguren des Projektes sind sogenannte Autopromotores, Einheimische, die in ihren Kommunen für einen freiwilligen Umzug geworben haben. Die Regierung in Managua hat Land zur Verfügung gestellt, das erstmalig in ihrer Geschichte den Misquitokommunen selbst gehören wird.
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Die Organisation, die das Projekt vor Ort leitet heißt CAPRI und hat ein eigenes Büro, in dem wir zunächst zwei Tage bleiben. Fließendes Wasser gibt es kaum in Waspam,  überhaupt ist jegliches Wasser hier mindestens 15 Minuten zu kochen oder chemisch zu behandeln. Am sichersten ist trotzdem alles, was aus einer anderswo abgefüllten Flasche kommt, ich kann mich nicht erinnern, jemals so viel Coca-Cola getrunken zu haben.<p>

In der oficina von CAPRI thront ein uralter Apple Macintosh, ein unwirklicher Anblick. Strom allerdings ist nur nachts zu haben. Wir verstauen das Gepäck, spannen die Moskitonetze auf und überlegen kurz uns umzuziehen - es ist sowieso zwecklos. Jeder Schritt, jede Bewegung ist eine körperliche Anstrengung, ja Herausforderung, erst nach Sonnenuntergang wird es angenehm kühl. Am Ufer des Río Coco finden wir einen freundlichen Wirt und stürzen uns auf Reis und Bohnen mit frischem Fisch. Der Sonnenuntergang über dem Fluß mit Blick auf die honduranische Seite ist traumhaft. Bananenbäume und Palmen im satten Grün, das Wasser schlammig-braun, zahllose Kinder beim Baden. Wir planen die nächsten Tage, ein schwieriges Unterfangen, da genaue Absprachen mit der Mentalität der Leute hier unvereinbar scheinen, wie wir bald merken. Wieviele Familien aus welchen Dörfern wann genau losziehen werden, wissen wir erst genau als der Umzug vorbei ist. Aber ich greife vor.
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Am Ostersonntag ist ab halb sieben an Schlaf nicht mehr zu denken. Die Natur macht sich mit scheinbar 100 Dezibel bemerkbar: Singvögel, Hunde, Kühe und jede Menge unternehmungslustiger Hähne machen sich bemerkbar. Das Dorf ist längst auf den Beinen. Irgendjemand verkauft frischen Fisch vor unserer Tür, die kleine Kirchenhütte nebenan zelebriert stundenlange Ostergottesdienste und auf der anderen Seite reparieren fünf Männer an einem Jeep herum.<p>

Die sanitären Anlagen bestehen aus drei (?) diskreten Holzhütten hinter dem Haus. Eine handtellergroße Spinne und diverse Kakerlaken leisten mir Gesellschaft. Der Magen-Darm-Trakt scheint am bedrohtesten in dieser Umgebung: bei zuwenig Flüssigkeitsaufnahme droht Harnwegsentzündung, das lokale Wasser birgt Parasiten und Durchfallgefahr, als Ausgleich wirkt der Coca-Cola Konsum verstopfend... jede Apotheke wäre stolz auf das medikamtöse Arsenal, das wir mit uns führen.
Früh aufzustehen ist hier noch das Gescheiteste - spätestens ab zehn Uhr ist unser gelber Freund, die Sonne, mit quälender Gewissheit wieder mit voller Kraft zur Stelle.
Ein paar Interviewtermine und Dorfszenerie stehen auf dem Drehplan. Ich versuche, mich als Stativträger und Handlanger einigermaßen nützlich zu machen, und sperre ansonsten Augen und Ohren weit auf.
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Brot ist leider nicht zu haben, da Mehl hier eine Seltenheit ist. Den unvermeidlichen gallo pinto - Reis mit Bohnen gleich zusammen gekocht - wollen wir uns denn aber doch nicht zum Ostermontagsfrühstück antun. Mangels Kühlmöglichkeiten gibt es auch keine Butter, trotzdem braten wir etwas Salzlakenkäse recht und schlecht in der Pfanne an und essen abgepackte Cracker dazu. Wohin bloß mit dem Plastikmüll? Draußen liegt überall reichlich davon, deshalb packen wir ganz umweltbewußt eine Mülltüte.
Im Kaffeeland Nicaragua habe ich bisher nur Instantkaffee getrunken, hier oben gilt sogar der als Luxus.<p>

Schnell füllen wir noch alle verschließbaren Behälter mit abgekochtem Wasser und packen die Sachen zusammen. Die nächsten beiden Tage werden wir mit  Selbstversorgung in Indianerdörfern am Unterlauf des Flusses filmen. Tütensuppe, Thunfisch in Dosen, noch mehr Cracker, Instantkaffee und sicherheitshalber einen Liter Rum (hilft angeblich auch gegen Skorpionbisse) kommen ins Gepäck. Gegen halb elf sitzen wir im Boot: Mit neun Leuten in einem schmalen Kanu 

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unbestimmbaren Alters. Hinten der Bootsführer am 15 PS Motor, vorne der Steuermann mit einer langen Stange, der nach Untiefen Ausschau hält. Unbeweglich steht dieser Mann die nächsten sieben Stunden am Bug, stakt rechts und links, winkt kurz wenn es heikel wird und spricht ansonsten kein Wort.<p>


Die Fahrt gehört zu den schönsten Erlebnissen der Reise. Rechts Nicaragua, links Honduras, auf beiden Seiten Dschungel. Manchmal ein Indianerdorf, Frauen die am Fluß Wäsche waschen, winkende Kinder jeden Alters beim Baden, Fischerboote, Lastenboote, Sandbänke und Steilküste am ausgewaschenen Flußbett. Daß es schwierig ist, die Menschen trotz der Überschwemmungen zum Wegziehen zu bewegen leuchtet mir sofort ein. Warum von hier fortgehen? Es ist ein paradiesisches Bild, stundenlang zieht die Landschaft an uns vorbei, selbst die Hitze ist durch den Fahrtwind erträglich - doch auch hier sehen wir die Rauchwolken aus dem Wald aufsteigen. Immer und immer wieder.
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Eigentlich wollten wir noch bei Tageslicht ankommen, doch als wir gegen sieben Uhr unser Ziel erreichen ist die Sonne schon seit einer Stunde verschwunden. Unser Boot ist längst in eine Wolke aus Insektenmittel gehüllt, möglichst wenig unbedeckte Haut zu zeigen ist die Maxime. Hier am Fluß sind die Schwärme so dicht, daß wir sicherheitshalber nur mit dem Wind reden, ganz schnell hat man sonst den halben Mund voll von den kleinen Biestern. In stockdunkler Tropennacht bei Taschenlampenlicht schleppen wir die gesamte Ausrüstung gut acht Meter Steilküste hinauf. Prompt stolpere ich und rutsche zwei Meter Richtung Wasser; das ganze Dorf - vielleicht 40 Menschen bestaunt am Ufer die chelles, die Weißen. Für manche Menschen hier ist es das erste Mal, daß sie Europäer sehen. Die Misquitos selbst haben deutlich dunklere Hautfarbe als die nicaraguanischen mestizos, die Kinder werden mit fast weißer Haut geboren, aber noch bevor sie laufen können hat ihre Haut einen dunklen Braunton. Kichernd stehen die Kinder um uns herum, flüstern und staunen.
Wir sollen in einer Pfahlhütte schlafen. Vernagelte Bretter, handgesägt, und ein Dach aus Palmblättern. Ich weiß nicht sicher, warum die Hütten alle in Hüfthöhe über dem Boden gebaut werden. Es könnte wegen der Überschwemmungen sein, angeblich sind aber auch die Moskitos nur bis zu einer bestimmten Flughöhe zu finden. Durch Fenster- und Türöffnungen starren uns die Dorfbewohner an. Hier spricht niemand etwas anderes als Misquito. Mit Übersetzungshilfe parlieren wir mit einer der Umzugsfamilien, bitten darum, daß Wasser für unsere Tütensuppe mindestens 15 Minuten zu kochen. Die Küche ist im Anbau und nicht einsehbar - als der dampfende Kessel vor uns steht verläßt uns doch der Mut. Also Purifikationschemie hinein und nochmals eine Viertelstunde warten. Endlos die Minuten, bis wir endlich Suppe und Kaffee im Magen haben. Extra viel Zucker, um wenigstens ein paar Kalorien aufzunehmen. Zum Frühstück am nächsten Morgen blüht uns eh' nur Dosentunfisch mit Crackern.
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Wir signalisieren Müdigkeit und hängen unsere Hängematten auf - es hilft nichts: Freundlich lächelnd aber unbeweglich werden wir bestaunt. Die Hütte ist zu klein für uns sechs plus die beiden Promotores, gerade mal zwei Matten könne wir aufspannen, der Rest schläft auf dem Fußboden aus Holzbrettern. Ich schlafe wegen Platzknappheit auf der &quot;Veranda&quot;, unter einem atemberaubenden Sternenhimmel: Im Umkreis von bestimmt 50 km gibt es kein elektrisches Licht. Unter dem Haus macht sich schon seit einer Weile eine depressive Kuh bemerkbar, die ihr Leid noch bis morgens um vier in die Nacht hinausschreien wird. Diese Tiere sind hier zwar nicht heilig, sind aber für die Misquitos so etwas wie ein größeres Guthaben auf der Bank. Trotz aller Unbill war mir während der gesamten Reise nichts so unsympathisch wie diese Kuh.
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Die Morgentoilette besteht aus symbolischen Zähneputzen. Das Ritual bildet die letzte Verbindung zur westlichen Zivilisation. Selbst wenn alle Stricke reißen: für's Zähneputzen muß noch Wasser übrig bleiben, das ist oberstes Gebot. Die durchgeschwitzten Klamotten von gestern sind keinen Deut trockener geworden, nur etwas klamm, da es hier am Flußufer in den Morgenstunden doch verhältnismäßig kühl wird. Nach dem Frühstück quillt unsere Mülltüte fast über. Was machen wir bloß damit? Den Müll hier vergraben oder verbrennen, wie die Einheimischen es tun? Oder  ihn wieder mit nach Waspam schleppen? Unser Übersetzer macht uns freundlich darauf aufmerksam, daß auch dort die einzige Alternative zu den genannten Möglichkeiten sei, den Müll einfach in die Landschaft zu werfen. Ratlos packen das Gepäck ins Boot. Heute fahren wir Dorf für Dorf flußaufwärts, halten hier und dort um Familien zu interviewen, den Aufbruch zu filmen. Wieder ist alles anders. Einige sind krank geworden, andere haben es sich im letzten Moment anders überlegt, die Filmcrew ist verzweifelt: ein großer Indianerkonvoi auf dem Fluß will sich einfach nicht bilden. Immerhin, Boote vollgepackt mit Säcken voller Reis und Bohnen, Hühner, Ferkel und ein wenig Hausrat kommen mit. Ipridingni heißt die neue Heimat, etwa100 km landeinwärts, mitten im Regenwald. Als Vorbereitung sind dort von den Familienvätern in mehreren Arbeitseinsätzen Hütten gebaut worden, einige Felder sind zur Aussaat vorbereitet und eine befahrbare Schneise wurde durch den Wald gehauen. In der Regenzeit sei man dort allerdings abgeschnitten, der Weg ein Schlammbrei.
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Gegen Mittag haben wir auch die letzten Vorräte an Trinkwasser aufgebraucht. Sehnsüchtig erwarten wir Andres, unser heutiges Ziel für die Nacht. Unbarmherzig brennt die Sonne. &quot;Hinter der übernächsten Biegung&quot;, sagt der Bootsführer seit einer dreiviertel Stunde, wenn wir ihn fragen wie weit es noch sei.
In Andres gibt es, oh Wunder, eisgekühltes Bier; eine Oase in der Wüste - damit hatten wir nicht gerechnet. Leider sind nur noch drei Flaschen zu haben, auch die letzten fünf Flaschen Coke haben wir schnell hinter uns gelassen, nun heißt es wieder Wasser kochen.
Alles klebt am Körper, die Klamotten können wir ungelogen in die Ecke stellen. Trotzdem wird es wohl noch zwei Tage dauern, bis wir uns in Waspam wenigstens mit Regenwasser aus dem Kanister und einer Schöpfschale halbwegs &quot;duschen&quot; können.
Wieder umringen uns alle Kinder des Dorfes als wir die Kamera aufbauen. Wir filmen die Misquitos beim Bohnenernten und beim Reisschälen, in der Abenddämmerung fahren sie für uns noch einmal auf den Fluß zum Fischen.<p>

Morgen soll er nun sein, der große Tag des Umzugs nach Ipridingni. Die meisten Familien sind auf dem Fluß schon bis Kum gefahren um dort zu übernachten, hier beginnt die Straße auf der wir mit Jeep und LKWs unterwegs sein werden.
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Tatsächlich stehen wir um 4:00 Uhr auf, noch vor Sonnenaufgang. Noch ein paar Dorfszenen abgedreht und schon sitzen wir wieder im Boot. In Kum sind alle noch beim Frühstücken, gallo pinto natürlich, und das Aufladen der LKWs geht nur mühsam voran. Die Kinder sind unausgeschlafen, ein Ferkel will partout nicht mit und auch die Hühner wehren sich nach Leibeskräften. Doch wie auf ein geheimes Signal geht alles plötzlich ziemlich schnell. Reissäcke und Wassertonne passen zu guter letzt auch noch irgendwie und vollbeladen rumpeln wir von dannen.<p>

Wir sitzen auf der Ladefläche eines kleinen Toyota Pick-ups und fürchten um unsere Wirbelsäulen. Die Straße scheint sich streckenweise in eine unabhängige rechte und linke Spur zu teilen, die Stoßdämpfer geben schreckliche Geräsche von sich, eine kilometerlange Staubwolke hinter uns her ziehend braust der Fahrer ungerührt mit 80 km/h durch die Pampa. Meine Knöchel sind weiß vom Festklammern an der Fahrzeugkante, und sind damit bestimmt der hellste Teil meines Körpers. Der Staub verleiht uns eine gesunde bräunliche Farbe und deckt wenigstens den Sonnenbrand ein wenig ab. Wir fahren durch Nadelwald, wiederaufgeforstet und eigentlich nur häßlich zu nennen. Die karibische Kiefer ist so ziemlich der einzige Baum, der auf dem ausgelaugten Boden wachsen kann, den drei bis vier Jahre Reisanbau auf gerodetem Regenwald zurücklassen. Die Stämme der Kiefern sind bis Hüfthöhe schwarz angelaufen, regelmäßig wird auch hier das Unterholz weggebrannt.
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Brandrodung ist die traditionelle Methode zur Landgewinnung für die Misquito-Indianer. Man brennt ein Stück Urwald nieder, bewirtschaftet es ein paar Jahre und zieht dann weiter, um ein neues Feld zu roden. Binnen weniger Jahre hat der angrenzende Urwald die gerodeten Flächen wieder absorbiert. Erst mit den wachsenden Bevölkerungszahlen in der Region, der Einführung des Geldhandels und das Interesse der ausländischen Holzfirmen wurde diese Vorgehensweise zum Problem. Zu schnell wird zu viel überall verbrannt, der Regenwald schrumpft und schrumpft. Die scheinbar endlosen Flächen, die  ich aus dem Flugzeug gesehen habe, sind der kleine Rest eines grünen Meeres.
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Plötzlicher Stopp der Fahrt: Vor uns hat ein Auto einen Plattfuß. Natürlich an einer unpassierbaren Stelle: auf den letzten Metern einer klapprigen Holzbrücke, vor einer steil ansteigenden Linkskurve. Wir springen ab, nutzen die Gelegenheit uns die Beine zu vertreten und die Wasserflaschen aufzufüllen. Schnell finden wir heraus, warum es nicht vorwärts geht: der Fahrer hat keinen Wagenheber dabei. Sein kleiner offener Geländewagen ist hoffnunslos überladen (Bohnen, Reis und jede Menge Hausrat). Die fünf jungen Männer die um das Fahrzeug herumstehen, scheinen außerdem noch mitzufahren. Unser Fahrer hat auch keinen Wagenheber dabei, der hinter uns haltende LKW ebenfalls nicht. Kurzerhand wird die Brückenbefestigung verwendet - daher sieht sie also derart mitgenommen aus. Wir drängen auf Eile, schließlich müssen wir vor den Umzugslastern in Ipridingni sein, um die Ankunft zu filmen. Mit vereinten Kräften wird der Wagen in die Höhe gestemmt, die Hinterachse müßte eigentlich jeden Moment brechen; dann ist es geschafft, das Rad sitzt, wird festgezogen, es kann weitergehen.<p>

Falsch gedacht, der Fahrer liegt jetzt unter dem Auto, anscheinend um seine Bremsen zu entlüften. Wir werden noch drängeliger - was soll die Warterei? Schließlich steigen alle sechs auf, der Wagen startet und fährt an. Hoffentlich hält die Achse, hoffentlich schafft der Motor die Steigung. Ja, da ist er so gut wie oben, fährt nach links um die Kurve - plötzlich beginnt der Wagen rückwarts zu rollen. Ich kann sehen wie der Fahrer verzweifelt auf die Bremse tritt, die anderen fünf springen blitzschnell vom Fahrzeug, das knapp links neben der Brücke wie in einer furchtbarer Zeitlupe rückwärts reichlich acht Meter Abhang hinuterstürzt. Bevor ich wirklich verstanden habe, ist schon alles vorbei. Wir schauen uns an, mir sitzt ein Kloß im Hals, Flüche und ¡Dios mio! erfüllen die Luft. Einige laufen hin, andere wenden sich ab. Jemand zerrt den Fahrer unter dem umgekippten Fahrzeug hervor - er lebt! Hörbar fast, fällt uns der Stein vom Herzen. Mit Hilfe kann er humpeln, hält sich den Hinterkopf, Reis und Bohnen sind aus den geborstenen Säcken überall verspritzt. Nur für das Auto kommt wohl jede Hilfe zu spät.
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Stumm fahren wir weiter, wissen nichts zu sagen. Unausgesprochen hängt die Frage in der Luft: War unsere Eile der ausschlaggebende Faktor?
Und wie gut sind eigentlich die Bremsen an unserem Pick-up?
Es dauert eine ganze Weile, bis wir auf andere Gedanken kommen. Der Himmel hat sich mehr und mehr bewölkt. Es beginnt zu regnen. Schnell die Planen über die Ausrüstung, schon klatschen dicke, schwere Tropfen auf uns nieder. Was soll's naß waren wir eh schon, nur daß jetzt der Staub als braune Brühe in den Hemdkragen läuft. Schnell sind wir unter der Regenwolke hindurch, ich sehe lieber nicht auf den Tacho.
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Von einem Moment sind wir im Regenwald. Eben noch langweilige Kiefern und freies Land, auf einmal fahren wir mitten durch den Dschungel. Die Schneise ist allerdings noch weitaus schlechter beschaffen als der bisherige Weg. Unser Fahrer holt alles aus dem Vierradantrieb heraus, zugegeben: er macht seine Sache äußerst geschickt. Mehrfach denke ich, wir sitzen endgültig fest: Hier ein Schlammloch, dort eine scheinbar nicht zu bewältigende Steigung (unterhalb der Halswirbel scheine ich sowieso jedes Gefühl verloren zu haben) doch der kleine Pick-up fährt weiter. Wären wir nur endlich da - ich muß runter von diesem Gefährt, sonst bricht mein Steißbein.
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Dann sehen wir die Hütten: Palmdächer, Pfahlbauten, Werkzeuge - mitten in der grünen Hölle. Wie der Regenwald zu diesem lieblosen Spitznamen kommt, verstehe ich wenige Sekunden nachdem wir anhalten. Dies übertrifft alles bisher dagewesene. Es ist als stände man unter der Dusche, oder besser, ich fühle mich als wäre ich selbst ein Duschkopf, der öligen Schweiß, vermischt mit Sonnenmilch und Moskitolotion in die Landschaft dünstet. Stehen, gehen, sitzen, liegen - es nützt alles nichts. Als hätte jemand in einer Supersauna die Tür verbarrikadiert. Kein Lüftchen regt sich - und die Misquitos haben die umstehenden Bäume gefällt, um ihre Häuser zu bauen, also auch kaum Schatten.
Trotzdem keine Klagen: der Blick in die Runde verschlägt mir die Sprache. Ipridingni liegt auf einer Anhöhe, um in der Regenzeit nicht abzusaufen. Rund um die Lichtung mit den Hütten gibt es mehr Grün als auf eine Netzhaut geht. Schmetterlinge, Vögel, Grillen und wer weiß was für andere Insekten sind hoch erfreut über unsere Ankunft - ein gigantischer botanischer Garten um uns herum. Wahnsinn, ein Traum, eine Vision - irgendwie unwirklich in jedem Falle.
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Natürlich wird gefilmt, das überspringe ich, ziemlich schnell jedoch neigt sich der Tag dem Ende entgegen und Regen liegt in der Luft. Untergebracht sind wir auch hier in einem Gebäude von CAPRI, daß jedoch etwas tiefer drin im Wald liegt. Flugs schultern wir das Gepäck und machen uns auf den Weg. Wie nebenbei erfahren wir, daß wir gut 25 Minuten Fußmarsch vor uns haben. Auf also, in den Dschungel.
Auf einem Trampelpfad quer durch die Wildnis, fast schon in der Dämmerung stapfen wir im Gänsemarsch. Die überraschende Feststellung: Tatsächlich ist mit Gepäck noch eine Steigerung der Schweißabsonderung ohne weiteres möglich. Wer hätte das gedacht?! Insekten aller Größe umschwirren uns, während wir über umgestürzte Baumstämme klettern, an riesigen huflattichähnlichen Pflanzen und Orchideen vorbei verzweifelt weiterziehen. Ich kann den Regen fast schon schmecken. So verlockend der Gedanke an Abkühlung auch sein mag, wir müssen vorher an der Hütte sein, sonst ist vor allem die Filmtechnik im Eimer. Auch mein Rucksack wird einem tropischen Regen nicht standhalten. Obwohl uns allen schon die Knie zittern, beschleunigen wir unsere Schritte eher noch. Niemand spricht ein Wort, wir sind viel zu außer Atem.
Kurz vor dem Aufgeben sehe ich ein Holzhaus durch das Grün. Die ersten Tropfen fallen. Mit letzter Anstrengung die Treppenstufen hinauf und in das Dunkel des Hauses. Die meisten Promotores und die anderen Misquitos sind im oder unter dem Haus (ein weiterer Vorteil der Pfahlbauten) eingetroffen, hier sollen die Rationen für das Abendessen ausgegeben werden.<p>

Das Timing stimmt genau: Kaum hievt der Kameramann das empfindliche Gerät die Treppe hinauf, da bricht das Inferno aus. Es regnet Eimer, Kannen, Sturzbäche vom Himmel. Es gießt und gießt und gießt. Ein kühler Wind streicht durch die Hütte - endlich die ersehnte Kühle. Jetzt gibt es nur eins: raus aus den Klamotten und unter die Dusche. Zu sechst springen wir durch den Regen und waschen uns den Dreck vom Körper und aus den Haaren. Ein wohliges Gefühl der Sauberkeit überkommt uns, nachdem jemand auch noch einen Rest Shampoo stiftet. Die Misquitos amüsieren sich wie wohl schon lange nicht mehr - so etwas haben sie nun wirklich noch nie erlebt. Was macht es schon, das wir nach dem Abtrocknen sofort wieder beginnen, Pore für Pore zu schwitzen. Die Dusche kann uns keiner nehmen.<p>

Das Regenwasser kann man als einziges sogar bedenkenlos trinken, wir stellen alle verfügbaren Töpfe auf. Zum Abendessen wird das &quot;Kalb geschlachtet&quot;: Wir löffeln glücklich und zufrieden Spaghetti mit Tomatensoße mitten in der Wildnis. Regnen tut es immer noch, inzwischen etwas weniger. Der Boden hat sich vollgesogen, von allen Bäumen, allen Blättern tropft das Wasser; das Klima ist auf einmal wie es angenehmer nicht sein könnte.
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Später liege ich in der Hängematte und schaue in den dämmrigen Urwald. Glühwürmchen blinken überall, die ersten Sterne sind am Himmel. Wir nippen an warmem Rum mit Regenwasser verdünnt und reden wenig. Wie klein wir sind in diesem Ozean von Wald, wie verloren, abgeschnitten, hilflos. Voller Leben ist der Wald um uns, wer weiß was alles durch den Abend kreucht und fleucht. Es ist als wäre der Wald selbst ein atmendes, lebendiges Wesen, das uns in seiner Mitte aufgenommen hat.
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*   *   *
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Auf dem Rückflug nach Managua blicke ich noch einmal hinunter auf die Schlängellinie des Río Coco und den dichten Teppich des Grüns. Irgendwo dort unten liegt Ipridingni, leben Menschen inmitten des Regenwaldes. Möge er ihnen und uns erhalten bleiben.
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P.S. Der Film über das Umsiedlungsprojekt am Río Coco wird voraussichtlich im Mai 1996 im &quot;Weltspiegel&quot; in der ARD ausgestrahlt. Genaueres erfahre ich hoffentlich rechtzeitig, um es euch wissen zu lassen.</blockquote>
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